1. Das Ei
oder
Wie beißt man von innen in eine Eierschale?

 

 

Ich, die Königin der Luft. Ich fliege... Nach Osten, dem Tag entgegen, zu den Gärten. Wo die Blumen sich eben der Sonne öffnen. Um Nektar zu trinken vom Grund ihrer Kelche. Ich fliege... Nach Süden, der Sonne entgegen, zum See. Die Steine am Ufer sind warm. Das Wasser stillt meinen Durst. Ich fliege... Nach Westen, der sinkenden Sonne nach, im Schatten der Bäume. Der Abendwind kühlt meine Flügel. Ich fliege...

 

„Au!“ Meta Morfosa schreckte auf. Sie hatte sich den Kopf gestoßen. Benommen richtete sie sich auf und stieß abermals an.
„Wo bin ich hier?“ fragte sie sich verwirrt, „wo war ich eben?“ Doch der Stoß schien sie im Moment jeglicher Erinnerung beraubt zu haben.
„Ein Irrtum“, dachte sie. Es musste sich um einen dummen Irrtum handeln. Wie sonst sollte sie sich erklären, weshalb sie hier eingesperrt war? Jawohl, eingesperrt! Sie befand sich völlig zusammengerollt in einer engen Kugel, die gerade mal genug Platz ließ, um sich den Kopf zu stoßen.

Sicherlich musste sie nur ein wenig warten, dann würde sich alles von selbst aufklären... Sie seufzte und wartete. Doch an ihrer Situation änderte sich überhaupt nichts, außer, dass sie noch unerfreulicher wurde, weil nach einiger Zeit ihre Augen anfingen zu zucken, ihre Füße kribbelten und ihre Schwanzspitze fürchterlich zu jucken begann. Das Unangenehmste daran war, dass Meta Morfosa in der Enge ihre Schwanzspitze nirgendwo finden konnte, um daran zu kratzen.
„Ich will hier raus!“ jammerte sie.
Unglücklicherweise konnte sie sich nicht besinnen, wie sie in dieses runde Ding hineingekommen war. Wenn sie den Eingang fände, wäre es ein leichtes, den selben Weg nach draußen zu benutzen.
„Dann suche ich eben den Ausgang“, sagte sie sich und begann, fieberhaft in der Kugel herumzupoltern. Dabei gelang es ihr, sich einmal um sich selbst zu drehen, so dass sie schließlich auf dem Kopf lag, was das Ganze nicht unbedingt bequemer machte. Und einen Ausgang gab es nicht.

Meta Morfosa drehte sich in ihre Anfangslage zurück. Sie hatte bereits zweierlei gelernt: Erstens änderte sich von allein gar nichts, sondern wurde höchstens schlimmer, und zweitens gab es Dinge, die unerklärlich blieben.
Ob es der dringende Wunsch, ihr Gefängnis zu verlassen, oder aber der Hunger war, der Meta Morfosa schließlich auf die ungewöhnliche Idee brachte, in die Wand zu beißen, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Fest stand nur, dass diese vertrackte Wand nach außen gewölbt war, und sie vergeblich danach schnappte, bis ihr endlich in den Sinn kam, nur einen Zahn hineinzubohren. Dadurch entstand ein kleines Loch. Neugierig blinzelte sie hindurch: Der erste Eindruck von draußen war grün. Das gefiel ihr. Sie nagte vom Loch aus einen Spalt rings um sich herum, so dass eine Art Deckel entstand, und zwängte mühsam ihren großen Kopf hinaus ins Freie. Die Sonne, die warm durch die Blätter schien und alles in grünes Licht tauchte, blendete sie.

Nach und nach schob Meta Morfosa ihren Körper durch den Spalt, und alles wäre in bester Ordnung gewesen, wenn sie nicht plötzlich stecken geblieben wäre. Sie erschrak und strampelte mit ihren sechs Brustbeinen, aber ihre untere Hälfte blieb wo sie war. Sollten ihre Bauchfüße, ganze vier Paar mit so schönen Saugnäpfchen dran, etwa drin bleiben? So zusammengerollt hatte sie gar nicht bemerkt, wie lang sie war! Meta Morfosa fühlte sich hilflos. Verzweifelt zappelte sie mit allen Füßen, um wieder freizukommen. Sie drehte sich nach links, dann nach rechts - und mit einem Mal war sie doch herausgerutscht.
„Ich bin frei!“ jubelte sie und vollführte auf den Hinterfüßen einen Freudentanz um ihr kugeliges Gefängnis herum.
„Frei! Frei! Frei!“ sang sie im Takt der schmatzenden Geräusche, die ihre Saugnäpfe dabei machten.

„Kannst du nicht aus dem Ei schlüpfen wie jede andere Raupe auch?“ erklang eine unwirsche Stimme hinter ihr.
Meta Morfosa unterbrach ihren Tanz. Über den Blattstiel kam eine Gestalt auf sie zu gekrochen, die aussah, wie sie selbst: genauso lang und hellgrün, mit denselben feinen weißen Längsstreifen vom Kopf bis zur Schwanzspitze.
„Wer bist denn du?“ fragte Meta Morfosa erstaunt. Sie hatte nicht erwartet, jemanden zu treffen.
„Mein werter Name ist Cäcilia Circulosa, alles mit C, wenn ich bitten darf - einfach todschick!“ Cäcilia Circulosa hob stolz den Kopf. „Aber du darfst Zilli zu mir sagen“, fuhr sie fort und zuckte gnädig mit der Schwanzspitze.
„Auch mit C?“ fragte Meta Morfosa, weil Zilli anscheinend viel Wert darauf legte. Aber damit hatte sie etwas Falsches gesagt. Zilli zog ein Gesicht, als hätte ihr jemand auf den Schwanz getreten und antwortete knapp:
„Mit Z. Kurzformen sind niemals edel.“

Damit wäre das Thema beendet gewesen, wenn Meta Morfosa nicht eingefallen wäre, dass sie selbst noch gar nicht gesagt hatte, wie sie hieß.
„Ich bin Meta Morfosa“, erklärte sie deshalb schnell, „aber du kannst Meta sagen.“
„Wie erfreulich!“ sagte Zilli schnippisch, „du hast sicher keine Probleme mit deinem Namen! - Jetzt iss dein Ei auf!“
„Welches Ei?“
„Du meine Güte! Das, aus dem du eben herausgekommen bist! Oder siehst du hier vielleicht noch eins?“

Meta besah sich das Ei. Rund und grün war es, mit feinen Rillen. Es schien nicht viel größer zu sein als ihr Kopf. Da sollte sie eben noch drin gesessen haben? In ihrer ganzen Länge? Meta sah zweifelnd an sich herab, dann sah sie wieder auf das Ei.
„Weißt du vielleicht, wie ich da rein gekommen bin?“
Zilli zuckte wieder mit der Schwanzspitze. „Dumme Frage! Du bist schon immer da drin gewesen!“
„Das kann nicht sein“, entgegnete Meta bestimmt, „vorher, also bevor ich mir den Kopf gestoßen habe, da war ich wo anders...“
„Das hast du bloß geträumt!“
„Aber...“ wollte Meta widersprechen, doch auf einmal konnte sie sich nicht mehr besinnen, wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte. Sie wusste nur noch, dass es ihr gefallen hatte.
„Bitte, wenn du meinst, du träumst jetzt, dann wach doch auf!“ schlug Zilli spöttisch vor.
Das konnte Meta nicht.
„Eben. Es war nur ein Traum!“ Zilli sog zufrieden die Luft ein.
„Ein Traum?“
„Was denn sonst!“ Zilli wurde ungeduldig, „nun mach schon, iss endlich dein Ei auf!“
„Du meinst...?“
„Ja, das meine ich! Wird’s bald?“

Meta hatte ihren Hunger völlig vergessen, aber jetzt hätte sie alles essen können. Warum also nicht das Ei? Gierig fiel sie darüber her, bis es restlos verputzt war. Dann sah sie auf und fragte Zilli: „Du hast nicht zufällig noch mehr?“
„Hast du schon mal eine Raupe aus zwei Eiern schlüpfen sehen?“ fragte Zilli unwirsch zurück. Das hatte Meta natürlich noch nicht.
„Und was soll ich jetzt essen?“ fragte sie und sah so kläglich drein, dass Zilli seufzte: „Na gut, dann iss eben noch was von dem Blatt hier. Aber beeil dich!“
Das ließ Meta sich nicht zweimal sagen. Das Blatt schmeckte noch besser als das Ei. Sie sah sich um: Die ganze Welt war voll davon! Alles essbar! Wie praktisch!
„Schneller!“ drängelte Zilli, „die anderen wollen dich auch endlich sehen!“
Meta schluckte. „Welche anderen?“
„Die anderen, das sind Fobia Fimosa und Pomaranza Pomposa. Du bist die letzte“, erklärte Zilli, „die letzte, die aus dem Ei geschlüpft ist, meine ich.“ Zilli kroch auf ein anderes Blatt und wartete, dass Meta endlich fertig würde.
Meta aß weiter und kam dabei dem Blattstiel immer näher.
„Vorsicht!“ rief Zilli, aber zu spät! Unbekümmert biss Meta in den Stiel - und zack! hatte sie das Blatt abgebissen, auf dem sie saß. Das heißt, auf dem sie gesessen hatte, denn nun fiel sie, und zwar ziemlich tief! Im Fallen fühlte Meta sich dumpf an etwas erinnert, doch bevor sie wusste, was es war, stoppte sie plötzlich und baumelte in der Luft. Wie von selbst hatten ihre Spinndrüsen am Unterkiefer einen Seidenfaden ausgestoßen, der sie aufgefangen hatte.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008