2. Die Gesellschaft
oder
Wie schmeckt die Arbeit?

 

 

„Hat man noch Töne! Kannst du nicht kriechen wie jede vernünftige Raupe auch?“ wetterte Zilli, die Meta über etliche Blätter hinterher gehastet war. „Und merk dir: Eine Raupe beißt niemals das Blatt ab, auf dem sie sitzt!“
„Wieso, ist doch lustig!“ quietschte Meta vergnügt und zappelte noch ein bisschen an ihrer Rettungsleine hin und her, bevor sie sich auf das nächste Blatt hinunterließ. Dort saß bereits eine behäbige Raupe, die teilnahmslos vor sich hin kaute.
„Meta, das ist Pomaranza“, stellte Zilli sie vor, „eigentlich müsste sie Nimmersatt heißen, sie ist nämlich ständig am Essen! Sie wird noch mal platzen, wenn sie so weitermacht!“
„Hallo!“ nuschelte Pomaranza mit vollem Mund, „fön, dich kennen pfu lernen!“
„Wie bitte?" Meta lächelte verlegen. Sie hatte kein Wort verstanden. Föhn und Pfuhl? Aber was auch immer Pomaranza gesagt haben mochte - unfreundlich klang es jedenfalls nicht.
„Mach den Mund leer, bevor du redest!“ ermahnte Zilli Pomaranza und seufzte kopfschüttelnd: „Kein Benehmen!“
Pomaranza schluckte brav und wiederholte, was sie gesagt hatte. Zu Metas Erstaunen klang es ganz genauso wie das erste Mal: „Fön, dich kennen pfu lernen!“
Hilfesuchend sah Meta zu Zilli hinüber. „Was hat sie gesagt?“
„Ach, das meinst du! Pomaranza hat einen kleinen Sprechfehler. Sie kann kein S und kein SCH sprechen, und Z schon mal gar nicht. Du gewöhnst dich schon daran. Ich habe mich auch daran gewöhnen müssen, dass sie ‘Pfilli’ zu mir sagt!“ Zilli verdrehte die Augen zum Himmel.

„Foll ich lieber ‘Pfäpfilia Pfirbulofa’ pfu dir fagen?“ fragte Pomaranza einfältig.
„Danke, nein“, lehnte Zilli entrüstet ab, „das hat mir gerade noch gefehlt!“
Meta kicherte. Ihr gefiel es sehr, dass sie jetzt Gesellschaft hatte.
„Wo ist denn Fobia nun schon wieder?“ fragte Zilli ungehalten und sah sich um. Fobia war nirgends zu sehen. Pomaranza schluckte hinunter, was sie im Mund hatte.
„Fobia hat fich verfteckt“, sagte sie gleichmütig, „fie hat fich erfrocken, alf Meta heruntergefallen kam.“
„Typisch!“ sagte Zilli und rief nach ihr. Einen Augenblick darauf spähte Fobia vorsichtig über den Blattrand.
„Du kannst vorkommen“, sagte Zilli, „das ist Meta Morfosa!“
Fobia sah Meta schüchtern an und hauchte: „Sehr erfreut! Du musst schon entschuldigen, aber du sahst aus wie ein herabfallender Ast!“
„Das war nicht meine Absicht“, sagte Meta, „ich...“
„Follten wir jepft nicht eine Kleinigkeit effen?“ fragte Pomaranza dazwischen und sah gierig auf all die saftigen Blätter ringsherum.
„Essen?“ entgegnete Zilli, „arbeiten!“
„Och, Pfilli!“ maulte Pomaranza, „immer blof arbeiten!“
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ sagte Zilli, „los, los! Es ist schon Mittag vorbei!“
„Ach“, seufzte Fobia wehleidig, „ich fühle mich nicht so gut... Könnten wir nicht morgen...“
„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ entgegnete Zilli unerbittlich.
„Was für Arbeit?“ erkundigte sich Meta erstaunt.
„Na, die Linde kahl fressen, was denn sonst? Wir haben schon damit angefangen!“ Zilli zeigte Meta einen kleinen Zweig, der blattlos trauernd im Wind schwankte.
„O fein!“ Meta war hocherfreut. Diese Art von Arbeit würde ihr schmecken! Sofort begann sie, ein Blatt anzuknabbern, aber Zilli hielt sie zurück:
„Du kannst doch nicht einfach drauflos beißen, Kind“, sagte sie kopfschüttelnd, „du musst bei der Blattspitze anfangen und dich dann bis zum Stiel vorarbeiten. Und saubere Arbeit, wenn ich bitten darf! Die Blattrippen und Stiele frisst man natürlich nicht mit, das ist Abfall!“
„Abfall?“ fragte Meta nach.
„Ja, wenn du zum Schluss den Stiel abbeißt, fällt das Blattgerippe ab, deswegen heißt das Abfall“, erklärte Zilli ungeduldig, „das ist doch wohl logisch!“
„Ach so.“ Meta nickte.
„Aber pass auf, dass du nicht wieder mit abfällst!“ Zilli sah Meta vorwurfsvoll von der Seite an. „Am besten frisst du erst mal nur die Spitzen, die sind das einfachste“, schlug sie vor und warf einen verächtlichen Blick auf Fobia, die bereits zaghaft an einer Blattspitze nagte. „Fobia ist zu was anderem nicht zu gebrauchen! Sie muss immer ein sicheres Blatt unter sich haben, sonst wird ihr schwindelig.“
Beschämt sah Fobia auf. „Ich kann doch nichts dafür!“ entschuldigte sie sich, „ich kann mir doch nicht einfach den Boden unter den Füßen wegfressen!“
„Ift doch egal“, versuchte Pomaranza sie zu beschwichtigen, „ich freffe doch den Reft!“
„Ja, und warum?“ fragte Zilli höhnisch, „weil du zu faul bist, um dir etwas anderes zu suchen!“
Pomaranza zog beleidigt eine Schnute. „Daf ift ganf fön anftrengend!“ maulte sie.
„Aber die gefährlichste Arbeit, die bleibt mal wieder mir überlassen!“ sagte Zilli, „typisch!“ Sie meinte die jungen Sprosse am Ende der Zweige. Dort waren die Zweige so dünn, dass man sich nur schlecht festhalten konnte, und die Arbeit daran war lebensgefährlich. Zitternd kroch sie zu ihrem Arbeitsplatz und rief mit einer Mischung aus Stolz und Entsetzen: „Seht ihr, wie das schwankt!“
„Wie lustig“, dachte Meta, „das muss ich mir ansehen!“ Sie kroch Zilli hinterher.
„Bleib, wo du bist!“ warnte Zilli sie, „das ist nichts für Anfänger!“
„Ach du Freck!“ sagte Pomaranza, und Fobia rief entsetzt: „Vorsicht!“, doch Meta kroch unbeirrt weiter. Der Zweig wurde immer dünner und schwankte bei der kleinsten Bewegung. Meta umklammerte ihn fest mit ihren Bauchfüßen und richtete ihren Oberkörper auf, um den Halt zu testen. Das Schwanken war etwas ungewohnt, aber Meta dachte, wenn sie selbst es verursachte, müsste sie es auch steuern können, und begann, ein wenig zu wippen.
„Hör sofort auf damit!“ kreischte Zilli entsetzt, bevor sie den Halt verlor.
„Oh!“ Meta hörte erschrocken auf zu wippen, aber es war zu spät, Zilli war schon hinuntergefallen. Fobia sank in Ohnmacht und Pomaranza hörte auf zu kauen.

„Entschuldige bitte!“ sagte Meta betreten, als Zilli wieder heraufkam, „ich...“
„Spar dir deine Worte und merk dir, dass es nichts Peinlicheres gibt für eine Raupe, als vom Blatt zu fallen!“ schnauzte Zilli sie an. „Glücklicherweise ist hier niemand vom Blatt gefallen“, fuhr sie fort, „nur in Ohnmacht!“ Sie wandte sich Fobia zu und pustete ihr ins Gesicht.
„Aber du bist doch...“ wollte Meta widersprechen, aber Zilli sah sie so scharf an, dass Meta lieber schwieg.
Fobia kam wieder zu sich. „Was ist passiert?“ flüsterte sie.
„Gar nichts. Du bist nur mal wieder ohnmächtig geworden. - Jetzt lasst uns endlich an die Arbeit gehen, sonst schaffen wir überhaupt nichts!“ drängte Zilli.

Das Baumkahlfressen war eine verantwortungsvolle Aufgabe, und Zilli achtete streng auf Ordnung. Besonders ruhig ging es dabei nicht zu, denn Fobia fürchtete ständig, vom Blatt zu fallen und rief ein ums andere Mal „Huch!“ und „Hach!“, sooft sie das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Pomaranza stöhnte über die viele mühsame Arbeit, und Zilli war schrecklich nervös. Wenn sie nicht gerade die anderen zur Eile antrieb, kroch sie aufgeregt im Kreis herum und hielt Ausschau nach Vögeln, um nicht selber gefressen zu werden. Sobald sich auch nur ein Schatten näherte, schrie sie: „Alaaarm!“ und brachte sich schleunigst in Sicherheit. Die schreckhafte Fobia war immer die erste, die unterm Blatt verschwand, und die letzte, die sich wieder hervorwagte. Pomaranza gab sich alle Mühe, mitzuhalten, aber meistens war der Alarm schon wieder vorbei, wenn sie endlich begriffen hatte, was los war. Meta kam sich bald mehr vor wie auf der Flucht als bei der Arbeit, und nach dem dreiundzwanzigsten Fehlalarm entschied sie sich, das nächste Mal lieber erst abzuwarten, ob wirklich so ein Raupenfresser käme. Insgeheim war sie nämlich gespannt, wie sie wohl aussähen. Doch an diesem Tag ließ sich keiner mehr blicken.

In den Pausen taten sie dasselbe wie während der Arbeit, sie nannten es nur anders. Pomaranza war hocherfreut, dass sie endlich einen kleinen Imbiss zu sich nehmen konnte und machte sich still und leise über die Blattrippen und Stiele her. Sie arbeitete gar nicht gern. Ihr schmeckte nur, was sie heimlich nebenbei naschen konnte.
„If’ doch pfu fade pfum Wegfmeifen“, meinte sie.

Fobia war etwas schwach und kränklich und musste dringend ein Stärkungsmittel einnehmen. Sie schluckte die Blattspitzen wie bittere Medizin.

Zilli beschwerte sich, dass sie wegen der vielen Arbeit und der ständigen Gefahren gar nicht zum Essen käme, sie würde sicher noch mal ein Magengeschwür bekommen. Außerdem wurde ihr übel, wenn sie Pomaranza den Abfall essen sah. Deshalb arbeitete sie einfach weiter.
„Ich denke, wir machen eine Pause“, sagte Meta verwundert. Beim besten Willen konnte sie zwischen Arbeit und Pause keinen besonderen Unterschied entdecken.
„Stimmt ja auch. Beeil dich, sonst ist sie vorbei!“ sagte Zilli unwirsch.
Meta schüttelte lachend den Kopf. „Wie soll ich mich denn mit dem Ausruhen beeilen?“
Zilli verzichtete auf eine Antwort auf diese überaus dämliche Frage und meinte stattdessen, indem sie angewidert auf die kräftigen Blätter sah:
„Ich weiß gar nicht, wie ihr dieses herbe Zeugs runterkriegt! So groben, gewöhnlichen Fraß kann man doch nicht essen! Seht nur diese delikaten frischen Triebe, das ist die richtige Kost für eine Raupe, die etwas auf sich hält!“ Und Zilli hielt anscheinend eine ganze Menge auf sich.
„Hach“, seufzte Fobia und sah neidisch zu den frischen Trieben hinüber, „wenn die Zweige doch nur nicht so schaukeln würden! Aber ich mag sowieso keine Blattsprosse!“ behauptete sie und klammerte sich entschlossen an den Zweig, „die sind noch gar nicht richtig reif. Von unreifen Blättern bekommt man Bauchschmerzen!“
„Ach was“, meinte Meta, „ich finde, es schmeckt alles gleich gut!“
„Blödsinn!“ entgegnete Zilli, „du kannst doch nicht behaupten, dass alles gleich schmeckt! Diese Sprosse sind einfach unvergleichlich!“
„Ich habe gesagt gleich gut“, erklärte Meta geduldig, „mal zart, mal würzig, mal herb - wie ich gerade Appetit habe.“

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008