3. Die Königinnen
oder
Wie fängt man einen Traum?

 

 

Als die Dämmerung anbrach, war es Zeit, schlafen zu gehen. Zilli meckerte, dass der Tag viel zu kurz gewesen sei, denn sie hätten an Arbeit so gut wie nichts geschafft.
„Und wiefo bin ich dann fo müde?“ fragte Pomaranza, seufzte tief und war auf der Stelle eingeschlafen.

Meta hatte sich ein großes Blatt als Schlafplatz ausgesucht, während Fobia sich in ein Astloch verkroch, in dem sie sich am sichersten aufgehoben fühlte. Sie war fest davon überzeugt, auf solch schwankenden Hängematten kein Auge zutun zu können.

Meta lag noch wach. Sie versuchte, sich zu erinnern, was sie im Ei geträumt hatte, aber es wollte ihr nicht wieder einfallen. Im Gegenteil, je angestrengter sie darüber nachdachte, umso weiter schien sich ihr Traum zu entfernen. Ihre Gedanken jagten ihm nach, aber es war unmöglich, ihn wieder einzufangen. Vielleicht würde er von selbst wiederkommen, wenn sie einschliefe? Sie gab sich alle Mühe, endlich einzuschlafen, aber Pomaranzas Schnarchen, das inzwischen eingesetzt hatte, war nicht gerade schlaffördernd. Meta wurde ganz kribbelig und wälzte sich unruhig auf dem Blatt hin und her.
„Was hat dich denn gestochen?“ ranzte Zilli sie ärgerlich an.
„Gar nichts hat mich gestochen“, gab Meta zurück, „ich versuche nur, mich an meinen Traum zu erinnern.“
„Lass den Quatsch und schlaf jetzt!“ befahl Zilli in einem Ton, der keine Widerrede duldete. Meta lag nun still. Sie wartete, dass ihr Traum zurückkam, aber der kam nicht. Weder der noch irgendein anderer.

„Sagt mal“, fragte Meta die andern am nächsten Morgen, „wisst ihr vielleicht, wie man so einen Traum wieder einfängt?“
„Am besten gar nicht!“ gab Zilli mürrisch zurück, „was fängst du schon wieder davon an?“
„Es macht mich ganz verrückt, dass ich mich nicht erinnern kann!“ sagte Meta hartnäckig, „ich muss unbedingt wissen, was ich geträumt habe!“
Pomaranza, die nicht verstand, wie man so viele Gedanken an etwas verschwenden konnte, das gar nicht da war, meinte bloß:
„Fei doch froh, daff er weg ist, dein Traum! Wopfu willft du ihn einfangen? Fo ein Aufwand! Ef ift flimm genug, wenn man fich von felbft daran erinnert!“
„Wieso schlimm?“ widersprach Meta, „mein Traum war ganz wundervoll...“.
„Das ist ja das Schlimme!“ mischte sich Fobia zaghaft ein, „meiner auch! Aber dann wacht man auf und all das Schöne ist weg! Ich träumte...“
„Genau!“ fiel Zilli ihr ins Wort und fuhr ungefragt fort: „Ich hatte auch einen Traum im Ei. Ich habe geträumt, ich wäre eine Königin und trug ein richtig königliches Gewand!“ Auf einmal verschwand alles Griesgrämige aus ihrem Gesicht und sie fing an zu schwärmen: „Solch ein kostbares Kleid könnt ihr euch gar nicht vorstellen! Es schillerte in allen Farben, und wenn die Sonne darauf schien, glänzte der feine Goldstaub, mit dem es bedeckt war...“ Für einen Moment war Zilli ganz in ihre Vorstellung versunken, doch dann kam sie wieder zu sich und sah geringschätzig auf ihre Raupenhaut herab: „Und, was ist draus geworden? Nichts von wahr!“
„Aber deine Haut ist doch schön!“ wollte Meta sie trösten.
Haut?“ gab Zilli eingeschnappt zurück, „Kleid meinst du wohl. Ich bin doch nicht nackt!“
Fobia holte gerade Luft, um etwas zu sagen, als Pomaranza ihr zuvorkam:
„Daf ift aber feltfam“, sagte sie kauend und beeilte sich zu schlucken, „ich habe auch geträumt, daff ich eine Königin wäre! Ich hatte herrliche füfe...“
„Wie bitte? Herrliche Füße?“ unterbrach Zilli sie und schüttelte verständnislos den Kopf.
„Laff mich doch aufreden! Ich meine füfe Fpeifen!“
„Ach, süße Speisen!“ Zilli verzog abfällig den Mund, „natürlich, es musste ja was zu essen sein! Kannst du an gar nichts anderes denken?“
Pomaranza schmollte. „Jedenfallf war daf ein wunderbarer Traum“, fuhr sie fort, „ich habe einen füfen Trank getrunken, der in prächtigen bunten Kelchen war, auf denen Diamanten geglipfert haben. Ihr wifft ja gar nicht, wie daf gefmeckt hat! Ef war pfu fön, um wahr pfu fein!“ Pomaranza seufzte und warf einen Blick auf die eintönigen Blätter, die es zum Frühstück gab.

„Ich hatte auch einen Traum...“, begann Fobia zaghaft, aber sie redete nicht weiter, weil sie fürchtete, wieder unterbrochen zu werden.
„Wovon hast du denn geträumt?“ fragte Meta nach. Fobia lächelte ihr dankbar zu und erzählte:
„Ich habe auf einem riesigen geblümten Teppich gethront, der über und über mit Perlen besetzt war, die in der Sonne schimmerten. Der Teppich war so groß und so weit ausgebreitet, wie ich nur gucken konnte.“ Verträumt blickte Fobia sich um, aber so weit sie gucken konnte, war rings um sie her nur ein grünes Blatt am andern zu sehen.

Währenddessen war Meta eingefallen, dass auch sie geträumt hatte, eine Königin zu sein. Aber bevor sie sich darüber wundern konnte, flog mit Gebrumm eine dicke Hummel an ihnen vorbei.
„Ich hab’s!“ schrie Meta aufgeregt, so dass die anderen erschrocken zusammenfuhren, „es ist mir eingefallen! Ich war auch eine Königin, die Königin der Luft!“
„Luft? Wie daf?“ fragte Pomaranza leicht enttäuscht. Das klang nicht besonders nahrhaft.
„Ich habe vom Fliegen geträumt. Ich bin geflogen! Ich hatte große, herrliche Flügel und bin der Sonne entgegen geflogen!“
„Waf für eine luftige Idee!“ kicherte Pomaranza mit vollem Mund.
„Oh, wie entsetzlich!“ rief Fobia aus, „in schwindelnder Höhe! Ohne ein sicheres Blatt unter den Füßen!“ Sie zitterte schon bei dem bloßen Gedanken.
„Das hat mir nichts ausgemacht, im Gegenteil...“ begann Meta, aber Zilli verzog das Gesicht und sagte verächtlich:
„Wie albern! Eine fliegende Raupe! Was für ein blödsinniger Traum!“
„Aber ich würde wirklich gern fliegen“, sagte Meta, „hättet ihr nicht auch gern, dass eure Träume wahr wären?“
Fobia seufzte. „Ach“, wisperte sie, „Träume sind Schäume...“
„Woher willst du das wissen? Was nicht ist, kann ja noch werden!“ Meta wollte sich nicht so einfach zufrieden geben. Warum sollten sie etwas Unmögliches geträumt haben?
„Fobia hat ganz recht“, schnatterte Zilli, „Träume haben mit der Wirklichkeit nicht das Mindeste zu tun, das sagte ich doch schon! Sieh dich doch um: Glaubst du vielleicht, das hier...“ - sie blickte missmutig auf ihr Kleid - „das verwandelt sich plötzlich in ein Cocktailkleid? Oder all diese Blätter so mir nichts dir nichts in kostbare Teppiche? Ha, bunte Blätter, dass ich nicht lache! Wer hat wohl sowas schon gesehen!“
Das war in der Tat schwer vorstellbar. Pomaranza hatte ebenfalls nicht die geringste Hoffnung, dass sich die Blätter in Kelche mit süßem Trank verwandeln würden.
„Und überhaupt“, sagte Zilli, „kannst du mir mal sagen, wie du mit deinem dicken Raupenbauch durch die Lüfte segeln willst?“
„Hummeln sind viel dicker!“ antwortete Meta trotzig, „und die fliegen auch!“
„Hummeln haben aber auch Flügel und Raupen nicht, soviel ich sehe“, entgegnete Zilli beharrlich und klopfte energisch mit dem Schwanz auf das Blatt. Sie mochte es gar nicht, wenn man ihr widersprach.
„Irgendwie“, sagte Meta verträumt, „irgendwie wird mir schon was einfallen. Ich will auch Flügel haben, schöne große Flügel!“
„Flüüügel?“ fragte Pomaranza gedehnt, „woher willft du denn Flügel kriegen?“
„Wenn ich das wüsste“, seufzte Meta, „dann hätte ich schon welche, das kannst du mir glauben!“
„Ach, weifft du“, sagte Pomaranza enttäuscht und biss kräftig in ein Blatt, „ef gibt keine Wunder. Daf Leben if langweilig. Jeden Tag geht die Fonne da auf und dort wieder unter, immer daffelbe. Und ich freffe und freffe immer daffelbe, jeden Tag daffelbe...“
„Vielleicht muss man etwas dafür tun“, sagte Meta nachdenklich, „wozu sollten Träume sonst gut sein?“
„Das wüsste ich allerdings auch gern!“ erwiderte Zilli. „Träume! Pah!“ murmelte sie vor sich hin, bevor sie wieder an die Arbeit ging, „so ein Mumpitz! Reine Zeitverschwendung!“

Meta hörte gar nicht mehr zu. Sie war fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass ihr Traum etwas mit der Wirklichkeit zu tun bekam. Während sie langsam weiterfraß, hielt sie die Augen offen und entdeckte eine Menge geflügelter Gestalten um sich herum. Die Welt schien mit einem Mal von Flugkünstlern nur so zu wimmeln! Zarte, langbeinige Mücken tanzten sirrend im Sonnenlicht auf und ab, blaugrün schillernde Fliegen ließen sich vorübergehend mit einem leisen Plopp-Geräusch auf einem Blatt nieder, stellten ihren brummenden Motor ab und verharrten dann bewegungslos, als ob sie nie geflogen wären. Die vielbeschäftigten Bienen in ihren schwarzgelben Arbeitsanzügen summten immer mit derselben Zielstrebigkeit vorbei: Entweder schnell und leicht oder mit pollenschwer beladenen Hinterbeinen. Sie schienen niemals auszuruhen und niemals müde zu werden. Anders dagegen die Hummeln, die so behäbig daherbrummten in ihrem dicken Pelz. Sie flogen plump und taumelnd, als wären sie betrunken. Sogar die Käfer, von denen ab und zu schon mal einer über den Ast krabbelte, konnten plötzlich surrend abheben.
Meta beobachtete die Flieger ganz genau. So unterschiedlich sie auch waren, eines hatten alle gemeinsam: Flügel. Alle hatten Flügel, nur sie hatte keine!

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008