4. Die Ungeheuer
oder
Was verstehen Menschen von Raupen?

 

 

„Was glotzt du denn so?“ fragte Zilli, als Meta gerade einer schlanken, blau schillernden Libelle hinterher sah, die mit Doppeldeckerflügeln an ihnen vorbeiknatterte.
„Kann sie nicht toll fliegen?“ Meta war völlig hingerissen. „Auf und ab, auf und ab schwingt sie sich, als wäre es das einfachste von der Welt!“
„Da wird einem ja schon schlecht vom Zuschauen“, stöhnte Fobia und wandte sich vom Blattrand ab, an dem sie eben lustlos genagt hatte. Sie sah aus, als müsste sie sich gleich übergeben, aber dafür hatte sie wohl noch nicht genug gegessen.

Zilli nutzte die Gelegenheit, dass Meta abgelenkt war, um ihr schnell die feinen Blattsprosse wegzufressen und meinte dann:
„Du vertrödelst nur deine Zeit! Geh lieber an die Arbeit! Da vorne sind noch jede Menge Blätter, wie sollen wir das jemals schaffen, wenn du dauernd in die Luft starrst?“
„Schon gut, schon gut!“ entgegnete Meta, die ihre Blattsprosse völlig vergessen hatte und anfing, an einem großen Blatt zu knabbern, „aber ich würde zu gern wissen, woher die alle ihre Flügel haben! Und wieso habe ich keine?“
„Raupen haben eben keine“, sagte Zilli mürrisch, „wozu auch, du kommst doch auch so von einem Blatt zum andern, was musst du unbedingt dabei flattern?“

Pomaranza, die bis dahin teilnahmslos vor sich hin gekaut hatte, verschluckte sich fast vor Lachen bei der Vorstellung, dass Meta von einem Blatt auf das andere fliegen wollte. Sie sah sowieso nicht ein, warum man sich schneller vorwärtsbewegen sollte als unbedingt nötig. Es war doch schon beschwerlich genug, die Stängel entlang zu kriechen, aber wie man dabei auch noch irgendeine andere Bewegung ausführen wollte, war ihr einfach unbegreiflich. Als sie sich wieder beruhigt hatte, wollte sie Meta etwas dazu sagen, aber die war plötzlich verschwunden. Zilli und Fobia hatten es auch gerade bemerkt.
„Ja, wo ift fie blof hin?“ fragte Pomaranza sich noch verwundert, während Zilli schon zum Blattrand gestürzt war und hinuntersah.
„Du liebe Zeit!“ schrie Fobia, „sie ist bestimmt gefallen!“ Sie verzichtete selbstverständlich darauf, hinunterzusehen, denn sie hätte ja einen Schwindelanfall bekommen und das Gleichgewicht verlieren können und... - oh, nicht auszudenken!
„Unfug!“ rief Zilli und riss Fobia damit aus ihren grausigen Vorstellungen, „nichts als Unfug hat sie im Kopf!“
„Waf macht fie denn?“ erkundigte sich Pomaranza in der Hoffnung, dass sie sich nicht selbst hinbemühen müsste, weil Zilli es sowieso gleich erzählen würde.
„Ihr glaubt es nicht!“ sagte Zilli aufgebracht, „aber Meta schaukelt! Sie hängt an ihrem Seidenfaden und schaukelt!“ Zillis Schwanzspitze zitterte. „Ein hoffnungsloser Fall! Sie ist eben noch ein Kind!“

Meta aber hatte ihren Spaß. Vergnügt schwang sie hin und her. Schaukeln war zwar nicht dasselbe, aber doch fast wie fliegen! Es war das erste Mal, dass sie sich mit Absicht abgeseilt hatte. Sie fühlte sich großartig. Anfangs war es ihr schwer gefallen, richtig in Schwung zu kommen, doch jetzt hatte sie ein Gefühl dafür, wie sie ihr Hinterteil bewegen musste.
„Auf und ab! Auf und ab!“ sang Meta fröhlich und stellte sich vor, sie sei eine Libelle.
„Ungewöhnlich! Äußerst ungewöhnlich!“ sagte auf einmal jemand. Meta sah sich um. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie beobachtet wurde. Wie peinlich! Da saß die Libelle höchstpersönlich! Abrupt hörte Meta auf zu schaukeln. Leider hatte das zur Folge, dass sich ihr Faden um sich selber drehte und Meta um ihre eigene Achse quirlte. Nach einigen tausend Umdrehungen hielt sie jählings an und der Spuk schien vorbei zu sein.
„Na endlich“, seufzte Meta erleichtert, „ich bin doch kein Drehwurm!“ Doch sie sollte sich geirrt haben, denn schon trudelte sie von neuem, diesmal in die andere Richtung.
„Halt! Aufhören!“ rief sie, ohne so genau zu wissen, wen sie damit meinte. Sie kam sich völlig verdreht vor. Schließlich, als sich der Faden gerade ein weiteres Mal aufzwirbeln wollte, biss sie ihn einfach los und fiel auf das nächste Blatt. Die Libelle hatte ihr schweigend zugesehen.
„Du hast eine ungewöhnliche Art, dich fortzubewegen“, bemerkte sie trocken.
Meta fühlte sich noch etwas weichgerührt im Kopf, aber zumindest fiel ihr ein, etwas Nettes zu sagen, bevor sie mit ihrer Frage herausplatzte:
„Wie schön, dass du noch da bist! Kannst du mir vielleicht sagen, woher du deine Flügel hast?“
Die Libelle wippte mit dem Schwanz und entgegnete:
„Du hast eine ebenso ungewöhnliche Art, ungewöhnlich dumme Fragen zu stellen!“
Alles, was Meta erwidern wollte, wurde übertönt von dem Knattern, mit dem sich die Libelle entfernte.
„Eingebildetes Geschöpf!“ brummelte Meta. Jetzt hatte sie keine Lust mehr zu schaukeln. Und eine Libelle wollte sie schon mal gar nicht sein! Was die überhaupt für einen Krach machte!

Meta hatte gerade begonnen, ein Blatt zu anzufressen, als ihr aus heiterem Himmel eine dicke weiße Raupe schweigend den Weg versperrte.
„Guten Tag“, sagte Meta überrascht, „ich habe dich gar nicht kommen sehen!“
Die dicke weiße Raupe sagte nichts.
„Hallo, ist dir nicht gut?“ fragte Meta besorgt und kroch etwas näher, doch die dicke weiße Raupe gab noch immer keinen Ton von sich und blieb stocksteif liegen.
„Aber das ist ja gar keine Raupe!“ stellte Meta erstaunt fest, richtete sich auf und schnupperte in der Luft, „das ist ein Zweig!“ Sie kletterte hinauf, um zu sehen, ob es nicht etwas Essbares daran gäbe, aber kaum hatte sie das getan, erhob sich der Zweig oder was immer es war, mitsamt ihr in die Luft.
„Oh, ich fliege!“ rief sie halb erfreut, halb erschrocken, und klammerte sich fest, um nicht herunterzufallen. Einen Augenblick später fand sie sich einem Paar riesiger Augen gegenüber, von denen jedes allein schon dreimal größer war als Meta selbst. Mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen betrachtete Meta das ungeheure Wesen:
Unter den Augen befand sich ein Hügel mit zwei großen Höhlen, deren dunkle Eingänge nicht besonders einladend aussahen. Unterhalb der beiden Höhlen lagen zwei rote Raupen (oder waren auch das keine?) übereinander, die sich jetzt trennten und - oh! Es war ein gewaltiger Mund, der seine gelblichen Hauer entblößte und sich vor Meta wie ein roter Höllenschlund auftat! Ein übel riechender Wind, der aus den Tiefen des Schlunds emporstieg, verschlug ihr den Atem. Sie klammerte sich noch fester und stellte sich tot. Jetzt würde sie bestimmt gefressen! Das war ihr Ende!
Doch der Mund fraß Meta nicht, sondern fing an zu sprechen, mit dröhnender Stimme und fauligem Atem, der Meta beinahe hinunter geblasen hätte:
„Sieh mal, mein Kind“, brüllte die Stimme des Ungeheuers, „die Raupe hier auf meinem Finger!“
„Iiiiiih!“ ertönte es hinter Meta hell und kreischend, so dass sie erschrocken herumfuhr. Meta merkte, wie sie gesenkt wurde, bis sie auf Augenhöhe mit einem zweitem Ungeheuer war - es war nur halb so groß wie das erste, aber nicht weniger scheußlich. Doch da keins von beiden die Absicht zu haben schien, Meta zu verschlingen, beruhigte sie sich einigermaßen. Es war nicht mehr so sehr Furcht, die sie empfand, sondern Ekel vor den monströsen Gesichtern mit diesen widerlichen Löchern.
„Iiiih, ein Wurm!“ schrie das kleine Ungeheuer und glotzte angewidert auf Meta herab. Meta verzichtete auf eine Richtigstellung, sie war stumm vor Abscheu.
„Aber Kind!“ sagte das erste Ungeheuer, wieder viel zu laut für Metas empfindliches Gehör, „Raupen sind doch nicht eklig! Das sind ganz besondere Tiere!“
Meta fühlte sich in dieser Lage zwar nicht gerade geschmeichelt, aber wenigstens hatte sie wohl nichts Schlimmes zu befürchten. Sie kroch vorwärts, um zu sehen, ob sie nicht irgendwie entkommen könnte. Dieser merkwürdige weiße Zweig, auf dem sie saß, hatte aber nur noch vier ebensolche Zweige neben sich, die dann alle in einen breiten Ast mündeten.
„Seltsamer Baum!“ dachte Meta, „und völlig kahl! Hier müssen schon andere gewesen sein!“
Die kreischende Stimme riss sie aus ihren Überlegungen:
„Eine Raupe, sagst du?“ Das Gesicht des kleinen Ungeheuers kam näher an Meta heran. „Und wieso sind die was Besonderes?“
Meta horchte auf. Das wollte sie nun doch hören!
„Raupen können sich verwandeln! Sie verwandeln sich nämlich eines Tages in...“ Der Rest ging unter in einem ohrenbetäubenden Lärm.
„Ein Flugzeug!“ kreischte das kleine Ungeheuer begeistert und starrte in die Luft. Meta sah ebenfalls hinauf, aber sie konnte nichts mehr entdecken. Was sollte das sein, in das sich Raupen verwandeln konnten, ein Flugzeug? Meta wusste nicht, was ein Flugzeug war, aber es kam ihr so vor, als hätte das große Ungeheuer etwas anderes sagen wollen. Der Krach war vorüber und Meta richtete sich auf, um besser zuhören zu können.
Schmetterlinge“, fuhr die tiefe Stimme gerade fort, „sind auch ganz wunderbare Wesen...“
Wie ärgerlich! Die beiden hatten anscheinend das Thema gewechselt und sie hatte nichts mitbekommen! Und was waren nun schon wieder Schmetterlinge? Meta musste zugeben, dass sie der Unterhaltung nicht mehr folgen konnte. Sie wünschte sich sehr, man möge sie doch endlich in Frieden lassen. Sie bäumte sich auf und schrie:
„Lasst mich runter! Lasst mich sofort runter!“
„Ach, sieh mal, wie putzig, sie macht Männchen!“ dröhnte das große Ungeheuer lachend.
Meta verschlug es die Sprache. Wollten oder konnten diese Idioten sie nicht verstehen? Und putzig war sie schon mal gar nicht!
„Ich will die Raupe auch mal haben!“ brüllte das kleine Ungeheuer jetzt. Meta fuhr zusammen, denn sie wurde unsanft angestoßen. Und dann ging alles sehr schnell: Ihr Bauch wurde so zusammengedrückt, dass ihr schrecklich übel wurde. Luft bekam sie auch fast keine mehr. Sie wurde hochgerissen und hörte gerade noch das kleine Ungeheuer kreischen: „Iiiih, ist die weich!“, als der Druck aufhörte und Meta nur noch fiel. Sie überschlug sich mehrmals im Sturz und landete kopfüber im Blattgewirr eines noch jungen Salats, wo sie bewusstlos liegen blieb.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008