5. Der große Appetit
oder
Kann man vom Essen platzen?

 

 

„Hier ift fie! Ich habe fie gefunden!“ rief Pomaranza aufgeregt. Sie hatte sich quer durch die Salatpflanze gefressen, während Zilli und Fobia den beschwerlichen Weg über die Blätter genommen hatten, um Meta zu suchen. Erst hatten die Ungeheuer die drei im Vorbeigehen fast vom Zweig gestoßen, und dann hatten sie tatenlos zusehen müssen, wie Meta in Gefahr schwebte und schließlich in den Salat gefallen war.

„Meta, bist du in Ordnung?“ Fobias Stimme klang besorgt.
Benommen richtete Meta sich auf. Ihr war immer noch speiübel und ihr Bauch tat ihr weh.
„Was machst du aber auch immer für Dummheiten!“ schimpfte Zilli, „du kannst dich doch nicht mit Menschen einlassen!“
Sie hielt Meta einen langen Vortrag, aus dem hervorging, dass Menschen auch zu den Raupenfressern zählten, und zwar zur schlimmsten Sorte gleich nach den Vögeln. Bei dieser Gelegenheit machte sie Meta auch darauf aufmerksam, dass sie sich im Grunde vor allen zu hüten habe, die anders aussähen als sie selbst.
„Entweder“, so sagte Zilli, „sind andere Geschöpfe gefährlich, wie Vögel, Menschen und Schlangen...“ - an dieser Stelle sank Fobia in Ohnmacht - „oder aber schlicht unwürdig, von einer Raupe beachtet zu werden, wie...“ - Zillis Gesicht verzog sich zu einer Grimasse - „wie Käfer, Asseln und Würmer!“

Eines Tages fühlte Meta sich sehr merkwürdig. Sie konnte nicht sagen, warum. Von dem Erlebnis mit den Menschen hatte sie sich längst wieder erholt, das konnte es nicht sein, was ihr dieses seltsame Gefühl verursachte.
„Fühlt ihr euch auch so sonderbar?“ fragte sie die anderen.
„Danke der Nachfrage“, sagte Zilli spitz, „aber ich bin völlig normal, glücklicherweise!“
„Ach“, seufzte Fobia, „es geht. Nicht schlechter als an anderen Tagen, aber auch nicht besser!“
„Allef wie immer“, mampfte Pomaranza träge.
„Komisch“, Meta sah auf ihren Bauch, „ich fühle mich so leer hier.“
„Du hast bestimmt eine Magenverstimmung!“ sorgte sich Fobia, „vielleicht...“
„Lass nur“, sagte Meta in Fobias Überlegungen hinein, „ich glaube, ich sterbe einfach vor Hunger!“
„Um Himmels Willen, sie stirbt!“ schrie Fobia aufgeregt, „so tut doch etwas!“
„Das war doch nur so eine Redensart“, seufzte Meta, und Zilli ermahnte sie kopfschüttelnd:
„Also wirklich, Meta, du solltest dich etwas gewählter ausdrücken!“
„Also gut“, sagte Meta, „ich glaube, ich könnte sterben für... - äh, ich meine, ich habe Appetit auf Blattsprosse, kleine, frische, zartgrüne Lindenblättchen!“
Pomaranza lief das Wasser im Mund zusammen. „Pfarte Lindenblättchen!“ schwärmte sie, doch dann fiel ihr ein, welch mühsame Kletterei damit verbunden war, und sie verzichtete lieber gleich.
„Untersteh dich!“ warnte Zilli Meta. Sie sah nicht so aus, als würde sie gern noch einmal vom Ast fallen. Aber Meta kroch bereits auf einen anderen Zweig, der noch unbearbeitet war.
„Halt!“ rief Zilli entrüstet, „du bringst unseren Arbeitsplan durcheinander! Der Zweig ist erst morgen dran!“
„Ich will aber jetzt davon essen!“ sagte Meta, „weil ich jetzt Blattsprosse möchte. Woher soll ich wissen, ob ich morgen welche möchte?“
„Es geht hier nicht darum, was du möchtest“, sagte Zilli streng, „was ist das für eine Arbeitsmoral!“
„Weiß ich auch nicht“, erwiderte Meta, „davon habe ich noch nie gehört. Kannst du mir das erklären?“
Das konnte Zilli nicht, und deswegen fiel Meta unverzüglich über die Blattsprosse her, einen nach dem anderen, als hätte sie seit Wochen nichts mehr zu essen bekommen. Ratzekahl fraß sie die schwankenden Zweige, an denen die frischesten Triebe hingen, samt Rippen und Stielen.
„Das sind jetzt meine Lieblingsblätter!“ erklärte sie strahlend und sah entzückt zum nächsten Zweig hinüber.
„Sehr sonderbar!“ bemerkte Zilli angewidert, „ein höchst unschickliches Benehmen für eine Raupe!“
„Was heißt unschicklich“, entgegnete Fobia, „ungesund! Sie wird sich total überfressen!“

Meta ließ sich jedoch nicht stören und knabberte ungerührt an ihrem elften zartgrünen Lindenblatt. Beim zwölften aber stockte sie. Es wollte einfach nicht mehr hineinpassen.
„Hilfe, ich platze!“ stöhnte sie und hielt mit Mühe ihren prallen Bauch, über dem sich ihr Kleid bedenklich spannte. Und dann platzte sie wirklich! Das heißt, man hörte ein lautes Rrrrratsch! und ein langer Riss zog sich über Metas dickgefressenen Bauch.
„Oh“, sagte Meta erschrocken, „mein Kleid!“
„O nein, o nein!“ rief Fobia und suchte ein Feigenblatt, um Metas Blöße zu bedecken. Aber es gab natürlich weit und breit kein Feigenblatt auf der Linde.
„Das kommt davon!“ sagte Zilli tadelnd und wollte Fobia helfen, ein Lindenblatt auf Metas Bauch zu kleben.
„Nein, lasst nur“, wehrte Meta ab, „seht doch, der Riss wird immer länger! Was mach ich bloß?“
Pomaranza hatte alles sprachlos mit angesehen. Ihr war regelrecht der Bissen im Hals stecken geblieben, und als sie ihn hinuntergewürgt hatte, stammelte sie fassungslos: „Aber... - aber... - aber vom Effen plapft man doch nicht!“
„Siehst du doch, dass man davon platzen kann!“ höhnte Zilli, „ich habe es ja immer gesagt!“

Meta bemühte sich, den Riss zusammenzuhalten. Beim Ausatmen ging es ganz gut, aber immer, wenn sie einatmete, klaffte er wieder auseinander.
„Hat niemand eine Idee, was ich jetzt tun soll?“ wimmerte sie kläglich.
„Hör doch einfach auf pfu atmen!“ schlug Pomaranza vor.
„Du meine Güte, wie stellst du dir das vor?“ schnaufte Meta, der diese Idee wenig gefiel.
Schließlich hatte Zilli den grandiosen Einfall, dass Meta den Riss nähen sollte.
„Wie - das - denn?“ keuchte Meta.
„Du spinnst einen Seidenfaden und nähst die Seiten wieder aneinander. Ganz einfach!“

Aber Meta hatte nicht genug Puste, um auch noch einen Faden zu spinnen, während sie ihren Bauch hielt. Die anderen sahen das ein. Also beschlossen sie, sich die Arbeit zu teilen. Fobia sollte den Faden spinnen, Zilli wollte sich im Nähen versuchen und Pomaranza übernahm die verantwortungsvolle Aufgabe, ihnen dabei zuzusehen.
Fobia begann sofort, einen silbrig glänzenden, leicht klebrigen Seidenfaden zu spinnen. Als Zilli ihn auf Metas Bauch kleben wollte, zuckte Meta und fing an zu lachen.
„Huch! Nein! Hilfe! Ich bin so kitzelig!“ jappste sie und drehte sich weg. Dabei vergaß sie, ihr Kleid zu halten.
„Also, jetzt mach aber mal einen Punkt!“ schimpfte Zilli, „wir rackern uns hier für dich ab, und du hast nichts besseres zu tun, als kitzelig zu sein! Jetzt leg dich auf den Rücken und reiß dich gefälligst zusammen!“
Meta tat, wie ihr befohlen war und riss sich zusammen: Sie hielt den Atem an, biss die Zähne aufeinander und hielt sich den Bauch. Nur ab und zu gab sie ein leises „Pfffff“ von sich, wenn sie es kaum noch aushielt. Dafür fing sie sich jedes Mal einen strafenden Blick von Zilli ein, die den Faden mühsam befestigte und ihn ungeschickt von einer Seite zur anderen zog, bis der ganze Riss bedeckt war.

„Todschick sieht das nicht gerade aus“, bemerkte Zilli, als sie ihr Werk betrachtete. Sie hatte Recht. Meta sah ein wenig seltsam aus in diesem zusammengeflickten Kostüm.
„Ach, das macht nichts“, sagte sie, „Hauptsache, es hält! Danke schön!“ Sie wollte gerade aufstehen, als sie das verhängnisvolle Geräusch ein zweites Mal vernahm. Erschrocken sah sie auf ihren Bauch, doch der Faden hatte gehalten.
„Öhö... öhö...!“ hustete Pomaranza, die sich verschluckt hatte, „feht doch, hinten!“
Meta war es ziemlich unangenehm, wie sich alle um ihr Hinterteil versammelten, um den Schaden zu betrachten.
„Wie peinlich!“ sagte Zilli zu allem Überfluss.
„Ach, was du nicht sagst!“ gab Meta zurück, „und was mache ich jetzt?“
„Ich würde ja sagen, wir nähen noch mal, aber...“ Zilli stockte.
Meta, die nicht sehen konnte, was die anderen sahen, wurde ganz nervös:
„Aber was? Nun sag schon!“
„Tja, weißt du...“ begann Fobia, aber auch sie traute sich nicht zu sagen, was los war.
„Also“, begann Zilli wieder, „der Riss ist ziemlich groß... - um genau zu sein...“
„Wahnsinnig groß!“ ergänzte Fobia, heilfroh, dass Zilli den Anfang gemacht hatte.
„Was heißt das?“ fragte Meta ungeduldig.
„Das heißt, dass wir das nicht mehr nähen können, das sind ja praktisch nur noch Fetzen!“ Zilli schüttelte den Kopf. „Du bist einfach dicker geworden!“ Sie richtete ihren dünnen Körper auf und verglich ihn mit Metas Hinterteil, das aus dem geplatzten Kleid quoll. Fobia und Pomaranza schwiegen ratlos. Keine wusste einen Ausweg aus dieser unerfreulichen Lage. Meta sagte auch nichts. Sie fühlte sich verständlicherweise nicht besonders wohl in ihrer Haut. Sie spürte, wie es ihr kalt den Rücken heraufzog und wand sich vor Unbehagen.
„Lasst mich allein“, brummte sie schließlich und kroch fröstelnd in die Sonne, um sich aufzuwärmen.

Widerstrebend zogen Zilli, Fobia und Pomaranza ab. Einerseits hätten sie gern gesehen, was Meta tat - denn irgendetwas würde sie bestimmt tun, das war schon mal sicher, aber andererseits waren sie ganz froh, selbst mit heiler Haut davongekommen zu sein.

 

 

Die Nacht und die Kräfte des Wurms waren zu Ende. Der Wurm schien nach dem letzten Punkt in eine Art Koma verfallen zu sein. Vielleicht war auch bloß sein Darm leer. Jedenfalls ließ er mich einfach sitzen mit der geplatzten Titelheldin. Was war das für eine seltsame Geschichte, die so mir-nichts-dir-nichts bei Tagesanbruch endete und nicht, wenn man es vom Inhalt her erwarten könnte? Und wer war dieser Wurm überhaupt, der so eine artfremde Geschichte zu Papier bringen konnte?

Mir fielen die Augen zu. Ich hatte noch nie zuvor eine ganze Nacht mühsam Buchstaben für Buchstaben gelesen und noch dazu für einen Wurm die Seiten umblättern müssen. Völlig erschöpft rollte ich mich an Ort und Stelle in meinen Schlafsack und wurde erst am folgenden Abend von leisem Papierrascheln geweckt...

Weiter zur zweiten Vigilie...

>

Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008