1. Das Frühlingskleid
oder
Kleider machen Raupen

 

 

Meta wärmte sich in der Sonne. Wenigstens fror sie nun nicht mehr. Sie fühlte sich hilflos und wünschte, sie könnte aus diesem Albtraum aufwachen. Aber wann immer sie einen Blick auf ihr Kleid warf, war es in demselben fürchterlichen Zustand. Meta wimmerte verzweifelt vor sich hin. Davon wurde jedoch nichts besser. Im Gegenteil, sie fühlte sich immer elender. Als sie Luft holte, um ihr Unglück zu beseufzen, rutschte der Rest ihres Gewandes einfach herunter.
Oh, welche Schande! Splitterfasernackt war sie jetzt! Wie sollte sie je den anderen wieder unter die Augen kriechen? Sie schämte sich entsetzlich. Am liebsten hätte sie sich auf der Stelle in ein Blatt eingerollt, um nie wieder daraus hervor zu kommen.

Währenddessen sprachen Zilli, Fobia und Pomaranza von nichts anderem als von Kleidern und Metas Unglück.
„Wenn sie sich nur nicht erkältet“, meinte Fobia besorgt, „sie könnte mich anstecken! Und das bei meiner schwachen Gesundheit!“
„Nun“, sagte Zilli und betrachtete sich in voller Länge, „hellgrün ist zwar nicht gerade der letzte Schrei, aber wenigstens tragen wir etwas Anständiges, um unsere Blöße zu bedecken. Und selbstverständlich kann nicht jeder so eine gute Figur darin machen wie ich!“ Sie warf einen Blick auf Pomaranza, die sich unbehaglich wandte, da auch sie aus allen Nähten zu platzen drohte.
„Meine Liebe, ich habe den Eindruck, dass du ein bisschen fett geworden bist!“ meinte Zilli zu ihr, „wie kann man sich nur so gehen lassen!“
Pomaranza schwieg betroffen. Sie hatte sich gerade eine ihrer sonstigen Zwischenmahlzeiten verkniffen, weil sie fürchtete, ihr könnte es wie Meta ergehen. Doch ihr Kleid war noch in Ordnung, etwas angeschmuddelt zwar, und ein wenig ausgebeult, aber es hielt. Um keinen Preis hätte sie jetzt in Metas Haut stecken wollen!
„Wo wir gerade davon sprechen“, fuhr Zilli selbstgefällig fort, „du musst unbedingt auf deine Farben achten, Fobia, sie sind ganz vergilbt! Du hast dir doch wohl keine Gelbsucht eingefangen?“
Erschrocken sah Fobia auf ihr Kleid. Es war tatsächlich etwas ausgebleicht. „Gelbsucht!“ dachte sie entsetzt, „ich sterbe!“ Dann aber bemerkte sie Zillis hämisches Grinsen.
„Ach, ich weiß gar nicht, woher das kommt“, meinte Fobia daraufhin mit gespielter Gleichgültigkeit, „dabei halte ich mich doch nie in der Sonne auf! Aber da wir gerade davon sprechen -“ sagte sie mit einem Seitenblick auf die Fältchen, die Zillis Kleid warf, „bist du sicher, Zilli, dass du nicht an Auszehrung leidest?“
Zilli wollte empört etwas erwidern, als Pomaranza ihr zuvorkam:
„Lafft unf endlich nachfehen, waf Meta macht“, schlug sie vor, ganz gegen ihre Gewohnheit, damit niemand auf die Idee kommen sollte, dass sie vielleicht an Schlaffsucht erkrankt sein könnte, „ich plapfe vor Neugier!“
„O nein, nicht platzen! Bitte nicht platzen!“ schrie Fobia sogleich und wurde noch blasser, „das halten meine Nerven nicht aus!“
„Fon gut, fon gut, ich plapfe ja gar nicht“, beruhigte Pomaranza sie und schüttelte den Kopf: Wie konnte man sich nur so leicht aufregen!

Das erste, was die drei sahen, war Metas altes Kleid, das vom Blatt gerutscht und an einem kleinen Zweig hängen geblieben war. Das war ja unglaublich!
Und dann entdeckten sie Meta. Sie saß zusammengekauert an einer Astgabel und hatte ihnen den Rücken zugekehrt.
„Aber Meta, wie siehst du denn aus!“ rief Zilli überrascht.
„Seht nicht her!“ flehte Meta, die sich um nichts in der Welt umdrehen wollte, „und bitte, lacht nicht über mich!“
„Uiuiui!“ entfuhr es Pomaranza. Es war wohl die schnellste Äußerung, die sie je in ihrem Leben gemacht hatte. Auch Fobia bekam große Augen vor Staunen, und all ihre Zipperlein waren in diesem Moment wie weggeblasen.
„Nein, wahrhaftig, Meta“, sagte sie, und in ihrer Stimme klang der blasse Neid, „diese Farbe! Du musst mir unbedingt sagen, woher du dieses Kleid hast!“ Sie eilte auf Meta zu, um sie von allen Seiten zu betrachten. „Lass dich anschauen!“
Meta rührte sich noch immer nicht, viel zu groß war ihre Scham.
„Seht doch!“ rief Zilli begeistert, „diese entzückenden Punkte! Einfach todschick!“
Todschick? Meta hob den Kopf. Das war das höchste Urteil, das Zilli fällen konnte. Noch nie hatte sie jemand anderen als sich selbst damit betitelt! Meinte Zilli wirklich sie? Das konnte nur ein Scherz sein, ein ganz übler! Gekränkt drehte Meta sich um. Auch wenn sie nackt und entblößt war, so hatte sie doch einen Rest von Würde und Stolz in sich, und niemand hatte das Recht, sich dermaßen über sie lustig zu machen! Meta holte tief Luft und wollte sich diese Unverschämtheiten verbitten, aber als sie den anderen direkt in die Augen blickte, blieben ihr die Worte im Hals stecken. Sie meinten es anscheinend ernst!
„Mach den Mund zu!“ sagte Zilli, „so ein Kleid muss man mit Würde tragen!“
Meta fing an, leise an ihrem Verstand zu zweifeln, aber schließlich wagte sie einen Blick nach hinten.
„Gehört das zu mir? Das muss eine Verwechslung sein!“ dachte sie. Sie trug ein hautenges, figurbetontes Frühlingskleid, grasgrün mit schwarzen Punkten. In jedem dieser schwarzen Punkte steckte ein kleines pinseliges Püschelchen, und ihre Bauchfüße waren allesamt mit passenden schwarzen Reifen beringt.
„Extravagant! Eine Spur zu extravagant! Für dich natürlich“ sagte Zilli und richtete sich stolz auf, um keinen Zweifel daran zu lassen, wer ihrer Meinung nach geeigneter für diese Art von Garderobe wäre. „Ich muss sagen, du bist ganz schön kräftig geworden, du scheinst gewachsen zu sein!“

Meta hörte Zilli gar nicht zu. Sie war immer noch sprachlos. Immerhin hatte sie es geschafft, ihren Mund zu schließen, so dass sie nicht mehr ganz so belämmert dreinsah, wie sie sich vorkam. Sollte das etwa heißen, dass sie nicht nur nicht nackt war, sondern ein neues Kleid trug? Wie war das möglich?
„Das verstehe ich zwar nicht“, dachte sie, während sie ihr Hinterteil gefällig betrachtete, „aber es ist nicht schlecht!“
„Nun sag schon, Meta, woher hast du dieses Kleid?“ fragte Zilli ungeduldig.
„Keine Ahnung!“ sagte Meta.
„Mach doch kein Geheimnis daraus, uns kannst du es doch sagen!“ bat Fobia.
„Ich weiß es nicht! Ich hatte es einfach unter dem alten an.“
„Das gibt’s doch gar nicht“, meinte Zilli ungläubig und untersuchte ihr eigenes Kleid, aber das saß fest und ließ sich nirgendwo aufmachen.

Meta richtete sich auf, pustete nach hinten über eins der Püschelchen und lächelte. Dann besah sie sich ihre acht beringten Füße, einen nach dem andern. Ihr Lächeln wurde breiter und breiter, und dann brach sie in Lachen aus.
„Ist das schön! Ist das nicht wahnsinnig schön?“ rief sie und drehte sich vor Freude immer wieder um sich selbst.

Meta war ein ganzes Stück gewachsen, und auch wenn Zilli es nicht zugeben wollte: Ihr hypermodernes Frühlingskleid stand ihr ausgezeichnet und passte wie angegossen. Eine zeitlang waren Kleider das Gesprächsthema Nummer eins, jedenfalls, was Zilli und Fobia anging, bis Meta und Pomaranza genug davon hatten und ihnen sagten, sie sollten doch bitte endlich von etwas anderem reden, dieses ständige Gequatsche über Mode wäre ja nicht zum Aushalten.

Soviel die vier Raupen auch arbeiteten, die Blätter schienen nicht weniger zu werden. Hier ein kahles Zweiglein, dort ein leeres Ästchen - aber der ganze Baum war dicht belaubt und so riesengroß, dass ein Ende ihrer Arbeit nicht abzusehen war.
„Wenn ich daf gewufft hätte!“ beschwerte sich Pomaranza oft, „fo eine mühfame Arbeit! Ich freffe und freffe, aber ef wird niemalf alle!“

Zu allem Überfluss begann die Linde auch noch eigenartige neue Blätter zu treiben: Hellgrüne, schmale, aus deren Mitte sich ein Stiel mit vielen kleinen Knospen entwickelte. Zilli beäugte sie misstrauisch.
„Seltsames Zeug!“ sagte sie, „absolut überflüssig! Als ob wir nicht schon genug Arbeit hätten!“
„Zuviel Cholesterin!“ sagte Fobia angewidert, als Pomaranza begann, die seltsamen kugeligen Knospen und Stiele in sich hinein zu stopfen.
„Waf?“ fragte Pomaranza erstaunt, „pfuviel Kohl ift darin? Daf ift doch kein Kohl, daf ift Linde!“
„Dummkopf, zuviel Fett meine ich“, erklärte Fobia, „das ist ungesund! Du hast ja keine Ahnung von gesunder Ernährung!“
Pomaranza ließ sich davon nicht beeindrucken. „Ift doch egal“, meinte sie kauend, „ich kann ef nicht leiden, wenn etwaf übrig bleibt!“

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008