2. Der Fallschirm
oder
Wie fliegt eine Raupe?

 

 

„Was für ein Volk sich hier neuerdings niederlässt!“ meckerte Zilli und blickte sich argwöhnisch um. Die gelbgrünen Lindenblüten hatten sich geöffnet und ihr Duft lockte Bienen an.

Es brauchte einige Zeit, bis Fobia nicht mehr bei jeder Biene in Deckung ging. Anfangs war sie nämlich der festen Überzeugung gewesen, dass es sich bei diesen unheimlichen Wesen um Schlupfwespen handelte, die mit Vorliebe Raupen stachen, um ihre Eier in ihnen abzulegen.

Auch Pomaranza merkte irgendwann, dass keine von ihnen es auf ihre Blätter abgesehen hatte, sondern nur auf die Blüten. Und die geöffneten Blüten mochte selbst sie nicht mehr essen, weil ihr die staubigen Pinsel darin zu trocken waren.

Die einzige, die sich über diese neuen Gäste freute, war Meta. Endlich flogen die Bienen nicht mehr vorbei, sondern hielten an ihrer Linde an, und Meta ergriff die nächste Gelegenheit, um eine von ihnen nach ihren Flügeln zu fragen.
„Hallo!“ rief sie die Biene an, „kannst du mir sagen...“
„Stör mich nicht, ich bin bei der Arbeit!“ unterbrach die Biene sie mürrisch und tauchte ihren Saugrüssel tief in die nächste Blüte.
„Was arbeitest du denn?“ fragte Meta neugierig. Sie konnte sich außer Blätterfressen keine Arbeit vorstellen.
„Was für eine Frage!“ brummte die Biene unwillig und hörte auf zu schlürfen, „das siehst du doch! Ich sammle Nektar, den süßen Saft hier aus den Blüten. Wir Arbeiterinnen tun das für unsere Königin, weil sie Nahrung braucht...“
„Für die Königin?“ warf Meta ein, „kann die sich nicht selbst was zu essen holen?“
„Aber nein! Wir dienen der Königin und sie herrscht über uns. Sie bleibt immer zuhause im Stock und wird von uns bewacht und beschützt.“ Die Biene senkte ehrfürchtig die Stimme: „Ihre Majestät ist die einzige, die Eier legen kann, aus denen wieder kleine Bienen schlüpfen. So sorgt sie dafür, dass unser Volk nicht ausstirbt. Und wir sind ein großes Volk!“ fuhr die Biene stolz fort. „Dafür besorgen wir das Essen und kümmern uns um den Nachwuchs.“
Mit diesen Worten verschwand sie in der nächsten Blüte.
Meta war beeindruckt. Einen Moment überlegte sie, ob sie nicht vielleicht Bienenkönigin werden sollte, aber sie verwarf den Gedanken sofort wieder, weil sie keinerlei Lust verspürte, immer nur in so einem Stock zu bleiben und sich bedienen zu lassen. Im Gegenteil, sie hatte Mitleid mit dieser armen Königin, die auf diese Weise wohl nie von ihren Flügeln Gebrauch machen konnte.
„Beneidet sie euch nicht um eure Ausflüge?“ fragte sie deshalb, als die Biene wieder auftauchte.
„Wer, die Königin?“ fragte die Biene zurück, „warum sollte sie? Sie hat mit den Eiern genug zu tun. Und welchen Sinn sollte es wohl haben, damit herumzufliegen und sie überall in der Welt zu verteilen?“
„Na ja“, begann Meta, doch die Biene unterbrach sie entrüstet:
Maja? Ich heiße doch nicht Maja!“
„Ich sagte: na ja“, erwiderte Meta verwirrt.
Na ja? Was soll das denn heißen? Wozu sagst du das? Das kann man ja nicht verstehen!“
Meta kam ins Stottern. „Ich... ich meine damit... ich wollte nur sagen, dass mein Ei schließlich auch auf einem Blatt lag...“
Die Biene sah Meta zweifelnd an. „Auf einem Blatt? Wie eigenartig! - Aber ich muss jetzt weg, entschuldige!“
„Halt, einen Augenblick noch!“ bat Meta, „sag mir doch bitte, woher du deine Flügel hast!“
Die Biene war sehr erstaunt. „Die habe ich nirgendwoher, du Dummchen, die sind genauso angewachsen wie mein Kopf oder meine Beine! Adieu!“ Sie hob ab und verschwand.

„Abheben“, dachte Meta, „wenn ich doch auch einfach so vom Blatt abheben könnte!“
„Ach!“ seufzte Pomaranza, die das Gespräch zwischen Meta und der Biene mitbekommen hatte, „ich wünfte, ich wäre eine Bienenkönigin! Ftell dir vor, Meta, alle würden mir füfen Nektar pfu effen bringen...“
Aber Meta interessierte sich nicht besonders für Nektar und dergleichen.
„Dacht’ ich’s mir doch“, murmelte sie enttäuscht, „wer Flügel hat, weiß nicht, woher, und wer keine Flügel hat, der kriegt anscheinend auch keine!“

Wen auch immer Meta fragte, niemand konnte ihr sagen, wie sie Flügel bekommen konnte. Manche hatten Mitleid mit ihr, weil sie sich selbst kein Leben ohne Flügel vorstellen konnten, andere waren hochnäsig und wollten sich totlachen, weil sie sich eine fliegende Raupe nicht vorstellen konnten. In solchen Momenten bedauerte Meta zutiefst, als Raupe auf die Welt gekommen zu sein.

Eines Tages, in einer Pause während der Arbeit, als Zilli wie immer eilig weiterfraß, Pomaranza schnarchte und Fobia sich zitternd im Schatten ausruhte, pendelte Meta an einem Faden hin und her und dachte nach. Der Wind wehte einige Blütenblätter an ihr vorbei, und plötzlich kam ihr eine Idee. Wie wäre es, wenn...
Fobias erschrockener Schrei riss sie aus ihren Gedanken:
„Mein Schirm! Mein Sonnenschirm!“ Und schon sah Meta das trockene Blatt an sich vorbeisegeln, das Fobia als Sonnenschirm benutzt hatte. Fobia sah zu Meta hinunter und fragte aufgeregt:
„Hast du meinen Sonnenschirm gesehen?“
Meta lachte. „Hab’ ich“, sagte sie vergnügt, denn der Schirm passte ihr genau in den Kram, „sag mal, leihst du mir deinen Schirm, wenn ich ihn dir wieder hole?“
„Würdest du das für mich tun?“ Fobia war gerührt. „Dann leihe ich ihn dir gern!“
Meta seilte sich ab. Nach einer Weile erschien sie mit dem Sonnenschirm oben auf dem Blatt, auf dem Fobia wartete.
„So, jetzt mache ich ein Experiment!“ nuschelte sie durch die Zähne, weil sie den Schirm im Mund trug, und noch bevor Fobia vor Entsetzen schreien konnte, hatte Meta sich schon fallen gelassen. Fobia wagte nicht, hinunterzusehen.
„Zilli! Pomaranza!“ schrie sie, weil ihr nichts besseres einfiel.
Zilli und Pomaranza eilten gleich herbei - das heißt, Zilli eilte und Pomaranza setzte sich schwerfällig in Bewegung, aber Meta kam schon wieder herauf gekrochen und hielt Fobia den kahlen Stängel hin.
„Das war kein Schirm zum Fliegen, das war ein Fall-Schirm!“ meinte sie und rieb sich ihr Hinterteil, „er ist einfach zerbröselt!“
„Er ist kaputt!“ heulte Fobia und betrachtete enttäuscht den Rest ihres Sonnenschirms.
„Das tut mir leid“, sagte Meta, „du musst dir wohl einen neuen pflücken!“ Damit verschwand sie wieder nach unten, um sich auf dem Boden nach besseren Hilfsmitteln umzusehen.

„Wieso nimmst du nicht Löwenzahn?“ fragte eine Ameise, die gerade eine widerspenstige Blattlaus einzufangen versuchte, die aus der Herde davongelaufen war. Meta fand den Vorschlag ausgezeichnet. Warum war sie nicht schon selber darauf gekommen? Sie kletterte auf die nächste Pusteblume, biss sich ein Samenschirmchen ab und erkletterte damit einen niedrigen Busch. Sie atmete einmal tief durch und ließ sich fallen - aber sie hätte genauso gut ohne fallen können, so schlecht trug sie ihr neues Fluggerät. Sie musste mehr Schirme nehmen, sie war viel schwerer als so eine zarte Ameise!

Das zweite Mal kehrte sie mit einem ganzen Strauß von diesen Fallschirmchen zurück. Sie hatte Mühe, alle zusammenzuhalten, denn weil sie so leicht waren, flogen ihr einige davon. Sie wollte sie mit einem Stück Grashalm zusammenbinden, aber das hielt nicht. Ratlos sah sie sich um. Da entdeckte sie eine Spinne, die gerade dabei war, aus lauter Langeweile ihren Namen in ihr Netz zu weben. Ein Faden! Das war genau das Richtige! Arglos bat sie die Spinne um ein Stückchen von ihrem Faden.
„Komm näher“, sagte die Spinne, die eine fette Beute witterte, „ich höre so schlecht. Was willst du?“
„Etwas von deinem Faden hätte ich gern, ich möchte die Schirme zusammenbinden“, wiederholte Meta.
„Komm hier auf meinen Teppich, an dem ich gerade webe“, lud die Spinne sie mit süßlicher Stimme ein, „dann gebe ich dir soviel Faden, wie du nur haben willst. Eine schöne Roulade mache ich aus dir!“
Meta wollte aber keine Roulade werden und wich erschrocken zurück.
„Dann nimm doch deinen eigenen Faden!“ schnauzte die Spinne sie an und wandte sich verärgert wieder ihrer Arbeit zu.

Die Rettungsleine! Wie außerordentlich peinlich, dass Meta nicht selbst daran gedacht hatte! Sie spann einen kurzen, festen Faden und band den Löwenzahn zu einem Bündel zusammen. Damit startete sie einen neuen Versuch. Sanft glitt sie vom Blatt und landete weich.

Auf diese Weise segelte Meta vergnügt den ganzen Tag und hatte einen Riesenspaß. Immer wieder blieb jemand stehen und sah ihr eine Weile zu. Manche applaudierten, wie die Ameisen zum Beispiel, andere wollten sich schier ausschütten vor Lachen wie einige Käfer, und wieder andere tippten sich bloß an den Kopf wie die Libelle.
„Hat man so was schon gesehen!“ zirpte eine Grille kopfschüttelnd und eilte fort, um ihrem Freund, dem Maulwurf, von dieser spinnerten Raupe zu erzählen.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008