3. Der Ausflug
oder
Kann man vorm Fliegen Angst haben?

 

 


Den nächsten Morgen begann Meta mit Sprungtraining. Jedenfalls nannte sie es so. Doch dazu musste sie mit allen Füßen gleichzeitig in die Höhe springen. Immer, wenn sie ihre Brustfüße hochriss, blieben ihre Bauchfüße noch auf dem Blatt, und umgekehrt. Es war wie verhext. Eine Hälfte von ihr schien immer festzukleben: Entweder ragte nur ihr Vorderteil oder nur ihr Hinterteil in die Luft. Nach etlichen missglückten Versuchen gelang es ihr endlich, wenigstens ein kleines Stückchen vom Blatt abzuheben. Und schließlich hopste sie mit wachsender Begeisterung auf dem Blatt herum, so dass der ganze Baum unter ihren Sprüngen zu erzittern schien. Dabei malte sie sich aus, was für Flügel sie gern hätte, und anstatt zu zählen, rief sie bei jedem Sprung:

„Hilfe! Ein Erdbeben!“ schrie jemand von unten. Es war Fobia, die gerade heraufkommen wollte und sich ängstlich an einem Blattstiel festklammerte. Als sie sah, dass es nur Meta war, die das ganze Blatt in ein Trampolin verwandelte, kreischte sie:
„Willst du uns umbringen? Als ob das Leben nicht schon gefährlich genug wäre!“

„Jetzt hör doch endlich auf mit deinem Gehopse! Das macht mich ja ganz verrückt“, rief Zilli und zuckte ärgerlich mit der Schwanzspitze, „mir wird übel!“
Pomaranza sagte gar nichts. Sie war einfach vom Blatt gerollt. Schnaufend kam sie wieder herauf gekrochen, als Meta ihre Gymnastik beendete.
„Mach - daf - nicht - noch - mal!“ beschwerte sie sich atemlos.
„Hör mal“, sagte Fobia, die sich wieder einigermaßen erholt hatte, „du solltest dir das Ganze aus dem Kopf schlagen!“
„Was meinst du?“ Meta war mit ihren Sprungergebnissen äußerst zufrieden.
„Dein Rumgeturne und deine seltsamen Flugübungen, das ist doch alles viel zu gefährlich! Hast du gar keine Angst?“
„Angst?“ fragte Meta zurück, „wovor?“
„Vorm Fliegen!“
„Unmöglich“, lachte Meta, „vorm Fliegen kann man doch gar keine Angst haben!“
Fobia war etwas verwirrt. „Doch“, erwiderte sie, „ich habe welche. Mir wird schon bei dem Gedanken ganz schwummrig!“
„Unsinn“, erwiderte Meta, „du hast vielleicht Angst vorm Fallen, aber nicht vorm Fliegen!“
„Das ist doch dasselbe!“ mischte sich Zilli ein.
„Ist es nicht!“
„Doch!“
„Nein! Fliegen ist schön und Fallen nicht!“ Meta grinste.
„Also gut“, gab Fobia nach, „hast du denn keine Angst, zu fallen?“
„Aber ich will doch gar nicht fallen, ich will fliegen!“ entgegnete Meta, „wovon redet ihr eigentlich?“
„Ja, aber wenn...“, begann Fobia erneut.
„Kein aber wenn!“ Meta wurde ungeduldig, „wenn ich immerzu an alle Abers und Wenns denken würde, dann hätte ich in meinem Kopf gar keinen Platz mehr, wo ich überlegen könnte, wie ich meine Flügel bekomme!“ Sie blinzelte in die Sonne. „Was haltet ihr davon, wenn wir heute einen Ausflug machen?“ fragte sie.
„Ich fliege doch nicht!“ entgegnete Zilli entrüstet, „weder aus noch ein noch sonst wohin!“
„Ich meine eine kleine Wanderung“, erklärte Meta.
Pomaranza sah missmutig drein: „Wandern, auch daf noch!“
„Mit Picknick und so!“ fuhr Meta fort, und Pomaranzas Gesicht erhellte sich.
„Aber ja, fofort! Wir dürfen daf Freffpaket nicht vergeffen! Eine kleine Wegpfehrung...“
„Du bist lustig“, sagte Meta, „der ganze Baum ist doch voll!“

Zilli war zwar der Meinung, dass Metas Vorschlag den Arbeitsplan total durcheinander brächte, aber da auch Fobia nichts gegen einen Spaziergang einzuwenden hatte (soll ja sehr gesund sein, sich die Füße zu vertreten), gab sie schließlich nach.

Hintereinander krochen sie den Zweig entlang: Allen voran Zilli, die unbedingt als erste da sein wollte, wo auch immer es hinging. Meta war direkt hinter ihr, gefolgt von Fobia, die einen genügend großen Sicherheitsabstand hielt, weil man bei Meta nie wusste, ob sie nicht unvermittelt einige Hüpfer vollführen würde, und Pomaranza bildete keuchend das Schlusslicht.

An der ersten Verzweigung war Pomaranza bereits sehr nach einem Picknick zumute, aber die anderen krochen unerbittlich voran. Doch je weiter sie krochen und je dicker die Äste wurden, desto weniger Blätter gab es daran. Pomaranza sah ihre Hoffnung auf ein anständiges Picknick dahinschwinden, und an dem letzten Zweig, der aus dem großen Ast spross, auf dem sie sich bewegten, weigerte sie sich, vorbei zu kriechen.
„Paufe!“ rief sie und stampfte mit allen linken Füßen gleichzeitig auf, „ich will jepft eine Paufe!“
Die anderen blieben stehen. Vor ihnen bog sich der Ast abwärts bis zum Stamm. Der Weg bis zum nächsten bewachsenen Zweig auf der anderen Seite war mindestens noch mal so weit. Also einigten sie sich auf eine kleine Rast, bevor sie weiterwanderten. Zilli erklomm als erste den Zweig.
„Los, an die Arbeit!“ rief sie den anderen zu.
„Puh!“ stöhnte Pomaranza, „ef ift viel pfu heif um pfu arbeiten!“
„Ach, arbeiten!“ sagte Meta und schüttelte den Kopf, „nennt es doch, wie ihr wollt, ich nenne es essen!“ Sie biss genüsslich in ein zartes Blatt.
„Genau“, nickte Pomaranza erleichtert, „ein Imbiff!“ und fiel gefräßig über die Blätter her.

Es war Mittag geworden und ziemlich schwül. Fobia kroch eilig in den Schatten und biss sich ein neues kleines Blatt als Sonnenschirm ab.
„Man kann ja nie wissen“, sagte sie besorgt, „ich habe gehört, dass Sonnenstrahlen so schädlich sind... Davon kriegt man Sonnenbrand, Leberflecken, Sommersprossen, Hautkrebs und Hühneraugen...“, murmelte sie, während sie ängstlich ihren Körper auf solche Makel untersuchte.
„Diese Hitze macht einen ja ganz verrückt!“ beklagte sich Zilli. Sie blinzelte in die Sonne und sah aus, als hätte sie bereits einen Sonnenstich.

Plötzlich donnerte es.
„Hilfe, ein Gewitter!“ rief Fobia, ließ vor Schreck ihren neuen Sonnenschirm fallen, floh zum Baumstamm und klammerte sich an der Rinde fest. Über ihnen hatten sich dunkle Wolken zusammengezogen. Die Zweige fingen an zu schwanken.
„Juche!“ schrie Meta begeistert und trampelte mit allen Füßen, so dass der ganze Ast vibrierte, „ein Ungewitter! So ein Wind!!“
„Sei still!“ kreischte Zilli und krallte sich am Blattstiel fest, „mir ist schon ganz schlecht!“ In der Tat war sie eine Spur grüner im Gesicht als sonst.
Pomaranza war bereits beim ersten Windstoß vom Blatt gekugelt und hatte sich verschluckt. Sie saß auf der Erde und hustete und spuckte.

In diesem Moment klatschten auch schon die ersten dicken Regentropfen auf das Blatt und hätten Meta und Zilli fast hinuntergeschwemmt. Meta ließ sich in Windeseile an einem Faden hinunter.
„Warte doch!“ rief Fobia ängstlich. Sie erschauerte, als sie nach unten sah. „Huh! Ist das tief!“ Der Gedanke an ihre Sicherheitsleine beruhigte sie keineswegs, im Gegenteil: Die Vorstellung, an einem seidenen Faden hin und her zu baumeln, erfüllte sie mit Entsetzen. Sie biss die Zähne zusammen und schob sich zitternd den Stamm hinab.
„Nun mach doch mal!“ drängelte Zilli, „ich werde ja ganz nass!“ Sie verzichtete selbstverständlich ebenfalls darauf, einen Faden zu benutzen. Sie würde sich doch nicht freiwillig lächerlich machen!

Als sie endlich unter einer Baumwurzel im Trockenen saßen, hatten sie es richtig gemütlich, fand Meta. Draußen pfiff der Wind, die Regentropfen trommelten auf die Blätter und fielen dumpf auf den Erdboden. Das Wasser rann in kleinen Bächen an ihnen vorüber und konnte ihnen nichts anhaben. Zilli und Fobia waren ziemlich verstimmt darüber, dass ihr Ausflug derart ins Wasser gefallen war, während Pomaranza sich nur darüber beklagte, dass sie keinen Proviant mitgenommen hatten.
„Hatschi!“ nieste Zilli und sah Fobia ärgerlich an, „deinetwegen habe ich mich jetzt erkältet! Dieser Wetterwechsel macht mich sowieso schon ganz kribbelig!“
„Entschuldige vielmals“, hauchte Fobia zerknirscht, „aber du weißt doch, dass ich nicht so schnell...“
Donnergetöse erschlug ihre Worte. Das Gewitter war jetzt direkt über ihnen. Auf einmal gab es einen furchtbaren Knall und ein Krachen, dass der Boden erzitterte. Alle fuhren erschrocken zusammen. Das war kein gewöhnlicher Donner gewesen. Irgendetwas war passiert!
„Die Welt geht unter!“ schrie Fobia und presste sich platt auf den Boden. Die anderen taten es ihr nach. Alle vier verharrten regungslos und warteten, was weiter geschehen würde. Die Linde ächzte. Der Wind peitschte die Zweige der Büsche. Der Regen stürzte auf den Boden und spritzte jetzt bis unter die Wurzel. Blitze erleuchteten die dunkelnassen Blätter ringsherum, gefolgt von knallendem Donner. Dazwischen hörten sie immer wieder aufgeregte Vögel kreischen.

Fobia verging fast vor Angst. Sie fiel nur deshalb nicht in Ohnmacht, weil sie erstens bereits lag und zweitens fürchtete, nie mehr daraus aufzuwachen. Zilli regte sich furchtbar darüber auf, dass niemand diesem Unwetter ein Ende bereiten konnte und sie gezwungen war, in dieser äußerst unwürdigen Haltung wie ein Plattwurm auszuharren. Pomaranza hatte sich bald an die Knallerei gewöhnt und stöhnte, wie langweilig es doch sei, ohne etwas zu essen herumzuliegen. Meta rührte sich nicht und tat, als ob sie schlief. Das Gewitter und die Nörgelei der anderen waren zu viel für ihre Nerven.

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008