4. Der Vogel
oder
Weiß ein Vogel, wie er fliegt?

 

 

Eine Ewigkeit war vergangen, als sich endlich das Donnern entfernte, die Blitze seltener wurden und der Regen nachließ. Das Wasser versickerte allmählich im durstigen Boden. Die ganze Erde schien aufzuatmen, als die ersten Sonnenstrahlen begannen, die Feuchtigkeit zu verdampfen.

„Findet ihr nicht, daff ef Pfeit für eine kleine Ftärkung ift?“ fragte Pomaranza erleichtert und zog eins von den zahllosen Blättern herein, die der Wind abgerissen und heruntergeweht hatte.
„Danke! Mir ist der Appetit vergangen vor lauter Aufregung!“ klagte Fobia kränklich.
„Mir ist immer noch ganz schlecht“, beschwerte sich Zilli und sah Meta vorwurfsvoll an.
„Dann habt ihr doch ficher nichpf dagegen, wenn ich...“, schmatzte Pomaranza und machte sich über das Blatt her.
„Ich schon“, sagte Meta und schnappte sich ein Stück, bevor Pomaranza auch dieses vertilgen konnte.

Als sich das Gewitter endgültig verzogen hatte, wollten sie wieder zurück auf den Baum, aber Pomaranza machte ein Mittagsschläfchen und war durch nichts wach zu kriegen. Ein Blattstückchen hing ihr aus dem Mundwinkel und flatterte, wenn sie atmete. Meta versuchte es schließlich mit kitzeln, aber auch das half nichts. Zilli fing an zu drängeln.
„Das hier ist nicht die geeignete Umgebung für eine Raupe“, schnatterte sie, „seht doch nur, all dieser Dreck, igittigitt!“ Sie trat mit gezierten Schritten unter der Wurzel hervor und rutschte prompt im Matsch aus.
„Oje, mein Kleid!“ rief sie entsetzt. Meta konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

Zilli hatte sich gerade vom größten Dreck gesäubert, als eine Stimme hinter ihr befahl:
„Bleib stehen, du Wurm!“
„Ein Raupenfresser!“ entfuhr es Fobia. Sie fiel beinahe in Ohnmacht. Hinter Zilli saß ein großer schwarzer Vogel und sah mit gierigem Blick auf sie herab.
„Unverschämtheit! Ich bin doch kein Wurm!“ empörte sich Zilli und drehte sich so würdevoll um, wie es auf der rutschigen Erde eben ging. Beleidigt wie sie war, bemerkte sie nicht, in welcher Gefahr sie sich befand.
Der Vogel legte den Kopf schief und sah Zilli erstaunt an, weil er nicht gewohnt war, dass ihm seine Mahlzeit widersprach.
„Hä? Was soll das heißen, du bist kein Wurm?“ fragte er, „du kriechst hier im Schlamm wie ein Wurm, du bist so lang wie ein Wurm und du machst mir Appetit wie ein Wurm. Warum solltest du also kein Wurm sein?“
Zilli schnappte vor Empörung nach Luft.

Fobia flüsterte entsetzt: „Um Himmels Willen! Sie wird sich um Kopf und Kragen reden! Ich kann das nicht mit ansehen! - Halt, Meta, wo willst du hin?“ Aber Meta war schon verschwunden. So sah also ein Raupenfresser aus, dachte sie. Zu gemein von Zilli, dass sie ihr verschwiegen hatte, dass diese Vögel Flügel besaßen! Sie musste sich das unbedingt von Nahem ansehen...

„Ich bin eine Raupe!“ gab Zilli jetzt stolz zurück und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf.
„Gibt’s denn da einen Unterschied?“ fragte der Vogel verdutzt.
„Na, ich muss schon sagen...“, erwiderte Zilli entrüstet, „und ob!“
„Aha“, sagte der Vogel und putzte sich erwartungsvoll den Schnabel, „und welchen bitte, wenn ich fragen darf?“
Darauf hatte Zilli nur gewartet!
„Also“, begann sie, „erstens wohne ich nicht hier im Dreck, sondern oben im Grünen. Zweitens stinke ich deswegen auch nicht und drittens - allein die Hautfarbe!“
„Wieso Hautfarbe? Die ist doch nun wirklich piepegal!“ entgegnete der Vogel ungeduldig.
„Ja, siehst du denn nicht, was für ein wunderbar zartgrünes Kleid ich trage?“ Zilli reckte sich hochmütig nach allen Seiten. „Würmer sind nackt!“ fuhr sie angewidert fort, „sie sind rosa! Einfach widerlich! Und...“
„Das ist mir völlig schnuppe“, unterbrach sie der Vogel, „ich bin farbenblind.“ Damit machte er einen Satz auf Zilli zu und pickte nach ihr.
„Hilfe! Mörder!“ schrie Zilli und wollte halsüberkopf davonstürzen, aber sie stolperte über Meta, die genau in diesem Moment hinter ihr aufgetaucht war, und beide purzelten übereinander.
Der Vogel legte den Kopf schief, reckte den Hals und sah neugierig auf das Wurmknäuel herab.
„Hallo!“ sagte Meta, als sie sich aufgerappelt hatte. Sie stellte sich auf die Hinterfüße, um etwas größer zu wirken.
„Häää?“ krächzte der Vogel verdutzt. Das war schon der zweite aufmüpfige Wurm heute!
„Ich sagte: Hallo!“ wiederholte Meta, „wir, das heißt, meine Freundin und ich...“ Meta sah sich um, aber außer ihr und dem Vogel war niemand mehr da.
„Ja, also, ich meine, ich hätte da mal eine Frage...“ begann Meta erneut.
„Häää?“ wiederholte der Vogel.
Meta hielt das für eine Zustimmung und fuhr fort: „Kannst du mir bitte sagen, wie du das machst?“
Der Vogel sah nun ziemlich verwirrt aus. „Wie ich was mache?“ fragte er zurück.
„Na, das Fliegen“, erwiderte Meta, „wie fliegst du?“
„Äh...“, begann der Vogel, „ich... - äh, ja also so... - äh... tja... - ich weiß nicht!“
„Wie - du weißt nicht? Weißt du nicht, was du tust?“ fragte Meta erstaunt.
„Äh, doch, natürlich, aber ich habe noch nie darüber nachgedacht“, gab der Vogel zu.
„Das ist seltsam“, sagte Meta, „ich denke dauernd darüber nach, wie man fliegt. Woher hast du denn deine Flügel?“
„Schon immer, ich bin damit bereits aus dem Ei geschlüpft“, antwortete der Vogel nicht ohne einen Anflug von Stolz.
„Ach, im Ei schon?“ Meta war enttäuscht. „In meinem Ei waren keine!“
„Wie bedauerlich“, meinte der Vogel, der ganz vergessen hatte, was er ursprünglich wollte, „sicherlich nur ein Lieferfehler!“
„Sie sind sehr schön, deine Flügel“, seufzte Meta bewundernd.
„Oh, danke“, erwiderte der Vogel etwas verlegen und glättete eine widerspenstige Feder, „ich muss auch zugeben, dass sie ziemlich elegant sind.“
„Glaubst du, dass ich mir solche besorgen kann?“
„Ich wüsste leider nicht, wo“, der Vogel zuckte bedauernd mit den Flügeln, „aber falls ich irgendetwas für dich tun kann...“
„O ja!“ rief Meta, „bitte zeig mir doch, wie du fliegst, ich möchte es so gern sehen!“
„Mit dem größten Vergnügen“, erwiderte der Vogel geschmeichelt und hüpfte auf den nächsten Zweig.
„Warte, ich will das ganz genau sehen!“ Meta kroch auf ein Blatt, dem Vogel direkt gegenüber. Der Vogel räusperte sich und setzte sich in die richtige Position.
„Pass auf!“ sagte er, zupfte sich noch ein paar Federn zurecht und lockerte seine Flügel. Dann beugte er sich noch einmal zu Meta vor und sagte:
„Achtung!“
Aber er hatte sich etwas zu weit vornübergebeugt, so dass er das Gleichgewicht verlor und höchst ungeschickt flatternd vom Zweig plumpste.
Meta sah über den Blattrand zu ihm hinunter. „Bist du sicher, dass das so geht?“ fragte sie zweifelnd.
„Äh, nein, entschuldige, ich wollte nur kurz hier unten... - äh, ist auch egal, ich starte jetzt von hier. Achtung!“
Diesmal klappte es. Er duckte sich leicht, stieß sich vom Boden ab und flatterte auf. Er drehte eine Runde über Meta, die ihm mit offenem Mund hinterher starrte, und verschwand.

„Das hast du aber toll hingekriegt!“ rief Zilli von unten. Meta, die immer noch gedankenverloren in die Luft sah, schrak zusammen.
„Hä? Was?“ Sie sah zu Zilli hinunter. „Was soll ich wo hingekriegt haben?“
„Na, wie du den Vogel verjagt hast!“ sagte Zilli, nicht ohne Neid in der Stimme. Meta kroch wieder auf die Erde.
„Ich habe hier gar keinen verjagt, er hat mir doch bloß...“
„Ist er weg?“ piepste Fobia hinter einer Wurzel. Zitternd kam sie hervor und sah sich ängstlich um.
„Du liebe Güte, habe ich eine Angst gehabt! Ich konnte gar nicht hinsehen!“ jammerte sie, „du hättest dir die Vogelgrippe holen können! Aber du warst schrecklich mutig!“
„Quatsch, ich wollte doch nur...“, begann Meta, aber sie wurde erneut unterbrochen.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008