5. Valentino Vermicello
oder
Auch ein blinder Wurm findet mal ein Buch

 

 

„Hilfe, eine Schlange!“ kreischte Fobia und war schon verschwunden.
„Iiiiih, ein Wurrrrm!“ schnarrte Zilli angeekelt und suchte das Weite.

Meta drehte sich um. Hinter ihr ragte eine lange rosafarbene Gestalt aus einem Erdloch, das mit Sicherheit eben noch nicht da gewesen war, und tastete suchend in der Luft herum.

„Ist da noch wer?“ fragte der Wurm und hätte Meta beinahe angestoßen. Sie wich ein Stück zur Seite und sagte unwirsch:
„He, hast du keine Augen im Kopf?“
„Nein, zufällig nicht“, antwortete der Wurm, „ich bin blind.“
„Oh“, sagte Meta, „entschuldige! Das wusste ich nicht.“
„Das macht nichts, ich kenne es nicht anders. Aber vielleicht sollten wir uns erst vorstellen, bevor wir ein Gespräch anfangen. Ich heiße Valentino, Valentino Vermicello.“ Er verbeugte sich leicht in die Richtung, aus der Metas Stimme kam.
Meta erwiderte freundlich: „Ich bin Meta Morfosa...“
„Ach“, fiel ihr Valentino ins Wort, „das bedeutet Verwandlung!“
„Hä?“ Meta war verwirrt.
„Dein Name“, sagte Valentino, „er ist aus dem Griechischen abgeleitet.“
„Aha“, sagte Meta, als wüsste sie nun Bescheid.
„Ich bin Bibliothekar, musst du wissen - man sagt auch Bücherwurm dazu“, erklärte Valentino, „ich habe mich so ziemlich durch alle Bücher durchgearbeitet.“
„Wie denn?“ fragte Meta.
„Du meinst vielleicht, in Blindenschrift, aber wir Bücherwürmer lesen Bücher nicht, wir verschlingen sie buchstäblich. - Ach, all diese schmackhaften Schriftzeichen, die leckeren Lettern und bekömmlichen Buchstaben!“ rief Valentino wehmütig aus. „Am liebsten aß ich in der Handschriftenabteilung, dort gab es nämlich keine Zwiebelfische und Fliegenköpfe, die einem so schwer im Magen liegen...“
Meta verzog das Gesicht. „Fliegenköpfe?“ fragte sie angeekelt.
„Das sind Druckfehler“, beeilte Valentino sich zu sagen. Da er merkte, dass Meta nicht wusste, wovon er sprach, erklärte er:
Habe nun, ach!“ seufzte er, „Philosophie, Griechisch und Latein, und leider auch Astrologie durchaus studiert - mit Heißhunger natürlich.“ Valentino seufzte abermals. „Ich habe mir eine Menge Wissen einverleibt“, sagte er schließlich und schwenkte stolz seinen Bauch.

Meta betrachtete Valentinos dicken geringelten Leib, aber sie konnte nichts außergewöhnlich Gelehrtes daran feststellen. Stattdessen fiel ihr auf, dass Valentino weder Flügel noch Füße hatte, und sie fragte sich insgeheim, wie er sich wohl vorwärtsbewegte.

Unterdessen sprach Valentino weiter: „Schon als junger Wurm habe ich davon geträumt, Bibliothekar zu werden. Alle haben mich ausgelacht deswegen. Was ein blinder Wurm mit Büchern anfangen könnte, haben sie gehöhnt! Aber ich hatte Glück. Ein Mensch, der mich in einer Schachtel mit sich herumtrug, vergaß mich zufällig in einer Bibliothek. Da habe ich die Gelegenheit ergriffen und bin Bücherwurm geworden. Aber das ist lange her. Ich habe mich jetzt zur Ruhe gesetzt, denn inzwischen finde ich die meisten Bücher ziemlich schwer verdaulich. Ich werde eben alt... - Aber du bist kein Wurm. Lass mich raten - bist du vielleicht eine Raupe?“

„Woher weißt du das schon wieder? Steht das auch in deinen Büchern?“ Jetzt war Meta doch beeindruckt.
„Nicht direkt. Das hat mir dein Name verraten. Meta Morfosa, die Verwandlung! Das ist für eine Raupe geradezu vortrefflich. In einem der Bücher stand nämlich, dass ihr richtige Verwandlungskünstler seid!“
„Ach, das meinst du“, sagte Meta, „ich habe mich schon verwandelt, wenn du so willst. Ich trage jetzt ein neues Kleid. Das alte war hellgrün mit weißen Streifen und dieses hier ist grasgrün mit lauter schwarzen Püschelchen.“ Meta fiel ein, dass Valentino es gar nicht sehen konnte. „Na ja, ganz schön jedenfalls.“
„Davon bin ich überzeugt“, sagte Valentino und lächelte, „aber da muss es noch eine andere Verwandlung geben, weißt du nichts davon?“
Meta machte ein erstauntes Gesicht: „Noch eine?“
„Mindestens! Bloß eine andere Farbe, das kann ja jedes Chamäleon!“

Meta hatte keine Ahnung, wer oder was ein Chamäleon war, sicher kam es nur in schlauen Büchern vor, doch das mit der Verwandlung interessierte sie brennend. Ihr fiel ein, dass der schauerliche Mensch auch davon gesprochen hatte.
„Erzähl mir mehr davon!“ bat sie.
„Das tut mir sehr leid, in der entomologischen Abteilung fehlte der zweite Band über die Verwandlung von Insekten! Ich habe keine Ahnung, was aus Raupen, Engerlingen, Maden und sonstigen Larven werden kann.“ Valentino senkte bedauernd den Kopf. „Ich dachte du könntest mir was darüber erzählen!“
„Oh.“ Meta war enttäuscht.
„Sei nicht traurig, manche Dinge bleiben eben ein Geheimnis“, versuchte Valentino sie zu trösten, „und vielleicht erfährst du es ja eines Tages selbst! Aber du hast mir noch gar nichts von dir erzählt! Was machst du? Wovon träumst du? Das steht in keinem Buch, das kannst nur du wissen.“

Metas Gesicht hellte sich auf. „Vom Fliegen träume ich“, sagte sie, „ich möchte schrecklich gern fliegen! Und ich übe schon ganz viel. Kannst du mir nicht sagen, wie man fliegt?“
„Nun“, sagte Valentino, „das ist nicht gerade mein Spezialgebiet, aber soviel ich weiß, braucht man Flügel dazu. Und Raupen haben doch gar keine!“
„Was du nicht sagst! Aber woher kriegt man die?“
„Tja, die sind angeboren. Vögel zum Beispiel“, Valentino erschauerte, „Vögel schlüpfen damit schon aus dem Ei!“
„Ich weiß“, nickte Meta, „das hat mir gerade einer erzählt.“
„Wie?“ fragte Valentino erstaunt, „du hast mit einem Vogel geredet? Und er hat dich nicht gefressen?“
„Nein. Ich wollte von ihm wissen, woher er seine Flügel hat, und dann hat er mir gezeigt, wie man fliegt.“
Valentino kringelte sich vor Lachen. „Ei der Laus! Den musst du aber ganz schön verwirrt haben!“

Dann kehrte er zu seinen Überlegungen zurück: „Auch Hummeln, Bienen und Mücken haben angeborene Flügel. Ja, und Fliegen selbstverständlich, Libellen, einige Käfer, und-“, Valentino senkte ehrfurchtsvoll die Stimme, „Flugzeuge natürlich!“
„Flugzeuge?“ wiederholte Meta. Wo hatte sie davon schon gehört?

Valentino erklärte: „Ja, die Menschen fliegen damit. Sie haben auch keine Flügel, deswegen nehmen sie Flugzeuge, die haben welche.“
„Ich will auch ein Flugzeug haben!“ rief Meta sofort. „Wo gibt’s die?“
„Tut mir leid, das weiß ich auch nicht. Ich kann dir ja noch nicht mal sagen, wie so ein Ding aussieht.“
Meta seufzte. Keine Flügel, kein Flugzeug... Es war hoffnungslos!

Valentino hatte eine Idee: „Geh doch mal zu Maria Maribella, sie ist eine Freundin von mir. Sie leitet eine Flugschule für Marienkäfer, gar nicht weit von hier! Vielleicht kann sie dir weiterhelfen.“

Eine Flugschule! Meta wäre jetzt vom Stängel gefallen, wenn sie auf einem gesessen hätte. Zum Glück befand sie sich aber auf dem Boden. Sie ließ sich von Valentino den Weg beschreiben und machte sich sofort auf. Allerdings sollte sie nicht sehr weit kommen, denn:
„Du redest mit einem Wurrrm!“ geiferte Zilli plötzlich hinter ihr, „ich habe dich beobachtet!“
„Er hat mir...“ begann Meta, aber Zilli schnitt ihr das Wort ab:
„Wie kannst du dich mit solchem Gewürm abgeben! Einfach unglaublich!“ Zilli schüttelte sich vor Ekel, „die sind rosa! Und stinken tun die!“
„Ach, das habe ich gar nicht bemerkt“, erwiderte Meta, die außerdem Valentinos Farbe ganz hübsch fand und nicht so recht wusste, was sie dazu sagen sollte. Zilli fiel das gar nicht auf, denn sie redete einfach weiter von Würmern, Viren und anderen bösartigen Codes, so dass Meta ganz vergaß, was sie vorhatte.

 

 

Die Morgenröte ließ den Wurm seine Arbeit wieder beenden. „He!“ rief ich dem Wurm zu, „bist du dieser Valentino?“ Aber der Wurm antwortete nicht. Er hatte auch keine meiner Zwischenfragen beantwortet, und so musste ich mich wohl oder übel damit abfinden, dass ich es hier mit einem Schreiberling zu tun hatte, der anscheinend nur seine Arbeit ausführte und sich auf nichts anderes einließ. Wahrscheinlich konnte er mich noch nicht mal sehen. Ich betrachtete ihn genau, als er sich nun wieder zum Schlafen zusammengerollt hatte, und ich konnte wirklich keine Augen an ihm entdecken. Heilfroh, dass er nicht in Blindenschrift schrieb, legte auch ich mich nach einem kleinen Frühstück schlafen und hoffte, dass er am nächsten Abend die Geschichte wieder fortsetzen würde.

Weiter zur dritten Vigilie...

>

Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008