1. Das Sommerkleid
oder
Wie man vor Wut aus der Haut fährt

 

 

Am nächsten Tag hatte Meta furchtbar schlechte Laune. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie etwas kolossal Wichtiges vergessen hätte. Wenn ihr doch nur wieder einfiele, was es war! Aber in ihrem Kopf herrschte gähnende Leere.

Während sie abseits von den anderen arbeitete, grübelte Meta und wurde immer muffeliger. Sie fraß und fraß ohne wahrzunehmen, ob sie gerade reife Blätter oder frische Sprosse zu sich nahm. Sie hatte keine Lust, zu schaukeln oder irgendetwas auszuprobieren, um fliegen zu lernen. Wie besessen war sie von dem Gedanken, dass sie noch tags zuvor eine glänzende Idee gehabt hatte, an die sie sich unbedingt erinnern müsste. Andernfalls würde sie ihr ganzes restliches Leben in Schwermut verbringen müssen, dachte sie. Sie hatte nicht eine einzige gute Idee, keinen neuen Einfall. Niemals würde sie fliegen lernen, niemals würde sie Flügel finden, geschweige denn, dass ihr welche wachsen würden. Es war zum Verzweifeln!

Unglücklich kroch Meta auf das nächste Blatt, auf dem ahnungslos eine kleine rote Blattlaus an ihr vorüber krabbelte.
„Ein schlechtes Zeichen!“ dachte Meta sofort. Kleine rote Blattläuse waren das letzte, was sie im Moment um sich haben wollte. Erbost schrie sie: „Verpiss dich!“, so dass das arme Wesen erschrocken vom Blatt fiel.

Diesen missgelaunten Ausruf hatten auch die anderen drei vernommen. Erstaunt hoben sie die Köpfe. Sie waren so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie erst jetzt merkten, dass ihnen etwas fehlte, was sie von sich selber ablenkte.
„Sag mal, was ist denn mit dir los?“ fragte Zilli entgeistert, „ist dir eine Laus über das Blatt gelaufen?“
„Allerdings!“ fauchte Meta. Sie hatte nicht die geringste Lust, den anderen etwas zu erklären. Aber die drei waren hartnäckig.
„Fühlst du dich nicht wohl?“ fragte Fobia teilnahmsvoll und zugleich besorgt, dass Meta an einer ansteckenden Krankheit leiden könnte. Vielleicht doch die Vogelgrippe?
„Ach, merkt man das?“ gab Meta giftig zurück.
„Iff doch waf“, schlug Pomaranza vor, „dann wird allef fon wieder gut!“ Sie konnte es nicht ertragen, dass Meta ein Problem statt einer lustigen Idee hatte.
„Ts, ts“, bemerkte Zilli schadenfroh, „hast du mal dein Kleid angesehen, Meta? Du siehst aus, als hätte man dich mit Gewalt darein gestopft!“

Meta wandte sich um: Die schwarzen Punkte sahen aus, als würden sie gleich bersten. Die vormals püscheligen Haare standen zu Berge. Ihre Bauchfüße quollen aus ihren Ringen. Jetzt bemerkte Meta erst, dass sie sich nicht nur wegen der Leere in ihrem Kopf so unwohl fühlte. Die Fülle ihres Körpers machte sie schwerfällig.
„Wahrscheinlich ist es das, was mir auf den Geist schlägt“, dachte sie. Unwillig schlug sie mit dem Schwanz. Außerdem konnte sie diese blödsinnigen Punkte und diese albernen Püschelchen nicht mehr ausstehen. Als sie zu allem Überfluss ihr Spiegelbild in einem Tautropfen entdeckte, biss sie wütend hinein. Davon wurde sie nass, und das gab ihr den Rest.
„Grrrr!“ grollte sie und holte tief Luft, „platzen könnte ich vor Wut!“
Gesagt, getan: Meta platzte auf der Stelle. Das heißt, es war wieder ihr Kleid, das nicht mehr hielt.
Aufgeregt krochen die anderen um Meta herum und beratschlagten, wie und ob ihr überhaupt zu helfen sei.
Meta tat, als höre sie nichts. Es gab sowieso nichts mehr zu retten, das wusste sie. Jedes Mal, wenn sie sich bewegte, riss ihr Kleid noch weiter. Schließlich konnte sie nicht einmal mehr atmen, ohne dass es an irgendeiner neuen Stelle aufriss. Sie konnte unmöglich länger in diesem Zustand herumsitzen. Sie musste diesen scheußlichen Lumpen loswerden, egal wie, nur weg damit!
„Lasst mich allein“, sagte sie den anderen, „ich muss mich ausziehen!“
„Ausziehen? Bist du übergeschnappt? Du kannst doch nicht nackt rumlaufen! Eine anständige Raupe...“
„Du liebe Zeit, sie wird sich erkälten!“ schnatterte Fobia dazwischen.
„Quatsch, mir ist total warm!“ schnaufte Meta, die vor Anstrengung ins Schwitzen kam. „Haut endlich ab und lasst mich in Ruhe!“

Endlich allein, kam Meta wieder halbwegs zu sich. Wenn man einmal vor Wut geplatzt war, ließ sich das nicht wieder ungeschehen machen. Man konnte schlecht so tun, als hätte es keine Folgen. Aber man konnte das Werk vollenden... Weithin war Metas Wutgeheul zu hören, aber niemand sah, wie sie sich wälzte und aufbäumte, wie sie sich dehnte und zusammenzog, um in diesem eigenartigen Tanz abzuwerfen, was sie beengte.

„Dunkelgrün!“ Etwas enttäuscht sah Meta an sich herab. Das Sommerkleid, das sie jetzt trug, war dunkelgrün mit braunen Streifen. Ihr fiel ein, was Valentino gesagt hatte: „Bloß eine andere Farbe! Das kann ja jedes Kamel oder so!“ maulte sie missmutig. Sie machte ein paar Rumpfbeugen, um zu sehen, wie dehnbar dieses neue Kleid war. Es passte wie angegossen. Und wenn man es so betrachtete, waren die Längsstreifen doch ganz hübsch. Auf alle Fälle waren sie sehr vorteilhaft.

Metas Blick fiel auf das Frühlingskleid, das schrumpelig und schlaff vor ihr lag. Sie seufzte erleichtert und sagte entschlossen:
„So, das kann von mir aus in die Altkleidersammlung!“ Damit gab sie ihm einen Tritt, so dass es vom Blatt flog. Es fiel Zilli direkt vor die Füße.
„He, was ist das denn?“ wunderte sich Zilli und sah nach oben. Meta sah hinunter.
„Das sind meine alten Klamotten!“ rief sie Zilli zu, „ich habe jetzt was Neues!“
„Schon wieder? Das Kleid war doch noch gut! Du kannst es doch nicht einfach wegwerfen!“ rief Zilli entsetzt und besah sich die schicken schwarzen Püschelchen. „So eine Verschwendung!“
Meta lachte. „Und ob ich das kann! Ich mag es nicht mehr!“
„Aber es ist doch todschick!“
„Es ist kaputt und es passt mir nicht mehr!“
„Das glaube ich nicht! Den Riss kann man doch flicken!“
„Siehst du nicht, dass es völlig verknittert ist?“ Meta verdrehte die Augen.
Knitterlook ist jetzt in!“ entgegnete Zilli und hielt sich den Fetzen vor den Bauch. „Steht mir das?“
„Wundervoll!“ stöhnte Meta, „behalt es doch von mir aus!“
„Das ist doch nicht dein Ernst!“
„Doch, mach damit, was du willst! Hauptsache, du schaffst mir das Teil endlich aus den Augen! Und dann könnt ihr zur Modenschau raufkommen!“
„Du hast ja nicht mehr alle Blätter am Baum!“ meinte Zilli kopfschüttelnd und nahm die schlaffe Hülle an sich. Dann eilte sie zu Fobia und Pomaranza, um ihnen von der Neuigkeit zu erzählen.

Die drei staunten nicht schlecht über Metas Sommerkleid. Zilli wurde noch grüner vor Neid. Meta sah mit einem Mal so schlank aus, richtig zierlich, trotz ihrer Größe! Fobia war ungemein erleichtert, dass Meta keine ansteckende Krankheit gehabt hatte, und Pomaranza war es vollkommen gleichgültig, wie Meta aussah, wenn sie nur wieder bei Laune war! Den ganzen Aufwand verstand Pomaranza allerdings nicht.
„Wiefo haft du daf gemacht?“ fragte sie.
„Von Zeit zu Zeit braucht man halt ein neues Outfit“, erklärte Meta gelassen, „und, falls du es noch nicht gehört hast -“, sie wandte sich an Zilli, um deren spillerigen Körper Metas altes Kleid schlotterte, „Punkte und Püschelchen sind einfach out!“
Zilli war sichtlich unangenehm berührt und tat etwas, das sie sonst niemals tat: Sie schwieg.
Pomaranza fragte: „Neuef Outfit, waf ift denn daf?“
„Ich habe mich eben verändert“, gab Meta gleichmütig zurück.
„Warum denn?“ fragte Fobia, „du warst doch immer so zufrieden!“
„Ja, schon. Aber ich wollte es auch bleiben.“
„Dann mufft du dich doch nicht verändern!“ sagte Pomaranza, die wieder mal gar nichts begriff.
„Also, du kannst ja davon halten, was du willst, aber ich wäre mit Sicherheit ziemlich unzufrieden geworden in einem viel zu engen Kleid!“ erwiderte Meta und grinste.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008