2. Die Flugschule
oder
Eine Raupe ist kein Marienkäfer

 

 

Meta fühlte sich jetzt rundherum wohl und war voller Tatendrang. Als sie überlegte, was sie als nächstes tun könnte, fiel ihr Maria Maribella ein.
„Die Flugschule!“ rief sie aus und schlug sich mit dem Schwanz an den Kopf, „wie konnte ich das nur vergessen!“ Eilig machte sie sich auf den Weg, bevor sie wieder jemand davon abhalten konnte.

Schon von weitem hörte sie helle Stimmen, die aufgeregt durcheinander johlten, schrieen und lachten. Auf einem großen Kohlrabi wimmelte es von roten, schwarzgepunkteten Marienkäferchen, die sich darum balgten, wer zuerst springen durfte. Dabei hüpften sie auf einem Kohlblatt herum, als wäre es ein Trampolin. Die meisten kullerten wahllos übereinander und traten sich gegenseitig in die Bäuche, was sie so sehr kitzelte, dass sie sich vor Lachen überschlugen.

„Vorsicht, Vorsicht!“ hörte Meta die Stimme der Lehrerin. Das musste Maria Maribella sein! „Stellt euch auf! Alle der Reihe nach!“

Während die kleinen Marienkäfer eifrig versuchten, sich halbwegs gerade aufzustellen, kroch Meta zu Maria hin und bat sie, ihr doch etwas über Flugzeuge zu erzählen. Maria war etwas überrascht, schließlich wurde sie nicht jeden Tag von Raupen nach Flugzeugen gefragt, aber sie gab Meta bereitwillig Auskunft:
„Also, Flugzeuge fliegen sehr hoch in den Wolken, wo unsereins nicht hinkommt. Wir nennen sie auch Wolkenmacher, weil sie auch bei klarem Himmel eine lange Wolke hinter sich herziehen. Und wenn die Sonne scheint, glänzen sie ganz hübsch. - Aber jetzt sag mir doch, warum willst du das wissen?“
„Ich hätte so furchtbar gern eins!“ erklärte Meta.
„Wozu brauchst du denn ausgerechnet ein Flugzeug?“ fragte Maria verblüfft.
„Ich will damit fliegen!“
Maria lachte schallend. „Das musst du dir aus dem Kopf schlagen! Mit einem Flugzeug kannst du nicht fliegen, die sind viel zu klein! Es ist mir ein Rätsel, wie die Menschen da hineinpassen! Aber Menschen bringen ja allerhand fertig, wahrscheinlich können sie auch ihre Größe nach Belieben verändern. Aber du bist mit Sicherheit zu groß dafür!“
Als sie Metas enttäuschtes Gesicht sah, meinte sie tröstend:
„Außerdem machen sie einen Höllenlärm! Kein anständiges Sirren oder Surren, nein, richtig hässlichen Lärm!“
Meta erinnerte sich jetzt an das ohrenbetäubende Gedröhn, das sie gehört hatte, als sie den Menschen begegnet war. Das war also das Flugzeug gewesen! Sie konnte sich nicht vorstellen, dass etwas, das in der Lage war, solch einen wahnsinnigen Krach zu machen, zu klein für sie sein sollte. Sie sah Maria zweifelnd an.
„Und du meinst...“
„Auf keinen Fall“, Maria schüttelte bedauernd den Kopf. „Du musst mich jetzt bitte entschuldigen, ich kann die Kleinen nicht so lange warten lassen! Wenn sie heute nicht fliegen lernen, lernen sie es nie!“
„Du bringst ihnen jetzt das Fliegen bei?“ Meta verwarf sofort alle Gedanken an Flugzeuge und dergleichen, „wie machst du das? Darf ich dabei zusehen?“
„Gern. Aber stell dich an die Seite, damit sie dich nicht anstoßen, sie sind ziemlich wild!“
„Was macht die denn hier?“ wollte ein vorwitziger kleiner Käfer wissen.
„Stell dich an, Marius!“ sagte Maria. „Meta ist unser Gast und möchte uns zuschauen!“

Zwei Marienkäfer waren inzwischen von hinten an Meta herangekrabbelt und beäugten sie neugierig und tuschelten miteinander.
„Marie-Claire und Marie-Lou, was macht ihr da?“ rief Maria, „kommt sofort her und hört auf zu flüstern! Das ist unhöflich! Wenn ihr was zu sagen habt, sagt es gefälligst laut!“
Marie-Claire und Marie-Lou stießen sich gegenseitig an und kicherten.
„Die hat ja gar keine Flügel!“ prustete Marie-Lou.
„Und ganz grün ist sie auch!“ johlte Marie-Claire.
„Ich weiß gar nicht, was daran so komisch sein soll“, erwiderte Maria, „Meta ist schließlich eine Raupe. Niemand verlangt von einer Raupe, dass sie rote Flügel mit schwarzen Punkten hat, sonst wäre sie wohl ein Marienkäfer. Und davon gibt es hier wahrhaftig schon genug, finde ich! Los, aufstellen! Immer zwei und zwei zusammen!“
„Aber wir sind doch sieben!“ krähte Marius und kletterte auf einen Grashalm.
„Na, dann stellt euch eben einzeln auf! Und runter da! Aber zackzack!“ Maria scheuchte Marius vom Grashalm und versuchte, Marie-Claire und Marie-Lou zu trennen, die inzwischen Bauch an Bauch wie eine Kugel kichernd durch die Gegend rollten. Maria sah zu Meta herüber und seufzte lachend: „Die kleinen Käfer sind einfach immer frech!“

Meta sah belustigt auf die krumme, hüpfende Reihe, die sich wieder auf den Kohlrabi zu bewegte. Nacheinander krabbelten die Marienkäferchen den Stängel des Kohlrabiblattes hinauf und hopsten wieder auf dem Sprungblatt herum. Sie waren so aufgeregt, dass sie einfach hinunterpurzelten und vergaßen, ihre Flügel aufzuklappen. Sie stießen sich gegenseitig aus Versehen oder auch mit Absicht hinunter und landeten ziemlich ungeschickt, aber vor Vergnügen kreischend auf der Erde.
„So geht das nicht“, rief Maria in die turbulente Menge, „ihr müsst euch konzentrieren, wenn ihr springt!“ Sie musste alle, die auf den Rücken gefallen waren und hilflos mit ihren sechs schwarzen Beinchen zappelten, wieder umdrehen.
„Das erste, was ihr lernen müsst, ist, nicht auf den Rücken zu fallen!“ sagte Maria. „Wer soll euch denn wieder aufheben, wenn ihr allein seid? Jean-Marie, du musst deine Flügel aufklappen, bevor du springst!“
Nach dem Sprung stellten die Kleinen sich wieder hinten an, wo sie jede Menge Schabernack trieben, bis sie wieder an der Reihe waren. Meta beobachtete die rot-schwarzen Flugschüler gebannt. Es dauerte nicht lange, da fing es an, in ihren Füßen zu kribbeln und bei jedem Sprung wippte sie mit.
„Die da soll auch mal springen!“ rief Marius jetzt.
„Au ja!“ schrieen die anderen und hüpften wie kleine halbe Bälle begeistert auf und ab.
„Mario! Marianne!“ rief Maria, „stellt euch ordentlich in die Reihe! Du auch, Marian!“ Dann wandte sie sich Meta zu und fragte:
„Hast du Lust? Ich habe zwar noch nie einer Raupe das Fliegen beigebracht, aber du kannst es ja mal versuchen!“

Und ob Meta Lust hatte! Aufgeregt kroch sie gleich auf das Sprungblatt. Alle sahen neugierig zu, wie sie am Rand stand und tief Luft holte. Sie zitterte ein wenig: Ohne Fallschirm! Ohne Sicherheitsleine! Dann aber sagte sie sich, es sei ja nicht so schrecklich tief und begann auf dem Blatt zu wippen.

„Du musst flattern!“ rief Maria ihr zu, doch Meta wusste nicht so recht, womit sie flattern sollte. Auf einmal verlor sie das Gleichgewicht, zappelte wild mit allen Füßen in der Luft und verschwand vor den Augen der anderen wie eine Ertrinkende im Strudel. Das sah so komisch aus, dass alle lachen mussten, und auch Maria konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Noch mal!“ schrieen die Marienkäferchen vor Vergnügen und ließen Meta vorgehen. Diesmal wollte sie es besser machen. Sie konzentrierte sich auf den Sprung, denn sie wusste ja nun, wie es war, zu fallen, und landete sicher auf allen Füßen.

„Bravo!“ schrie es hinter ihr, und alle drängelten, um selber an die Reihe zu kommen. Meta sprang eifrig mit. Sie wurde immer sicherer, und nach einigen Sprüngen versuchte sie einen Salto. Sie wippte auf dem Blatt, bis sie genug Schwung hatte, dann sprang sie etwas in die Höhe, rollte sich in der Luft zusammen und drehte sich genau einmal um sich selbst, bevor sie auf die Erde kugelte. Das machte ihr keiner nach!

Nach mehreren Runden sprangen die Marienkäfer gesitteter. Sie dachten nun tatsächlich beim Sprung daran, ihre Flügel aufzuklappen, und bald surrte es nur so um den Kohlrabi herum. Meta sah, dass die Marienkäfer sogar zwei Paar Flügel hatten: Unter den roten Schutzflügeln mit den schwarzen Punkten trugen sie noch ein Paar ganz feine, durchsichtige Flügel, mit denen sie so schnell schlagen mussten, dass sie gar nicht mehr zu sehen waren.

Als es Zeit für das Abendessen wurde, wollten die Marienkäfer Meta zum Essen einladen.
„Was gibt es denn?“ fragte sie.
„Blattläuse natürlich!“
Meta würgte. „Das ist sehr nett von euch“, sagte sie und bemühte sich, nicht allzu angewidert auszusehen, „aber ich esse nur vegetarisch!“
„Wegen was?“ fragte Marius nach.
„Ich esse kein Fleisch.“
„Was isst du denn dann?“ wollten die anderen wissen.
„Blätter, einfach nur Blätter. Lindenblätter, wenn ihr es genau wissen wollt...“
Aber die Marienkäferchen brachen in helles Gelächter aus: „Blätter hat sie gesagt!“ - „Wo die Läuse drauf rumlaufen!“ - „Die kann man doch nicht essen!“ riefen sie und brausten davon.

Als Meta wieder auf der Linde war, erzählte sie den anderen begeistert von Marias Flugschule.
„Wie fpannend!“ entfuhr es Pomaranza, während sie ein Blatt von Zilli stibitzte, wofür diese sie strafend ansah.
„So ein Quatsch, Flugschule! Hat man so was schon gehört!“ Zilli schüttelte den Kopf, „nur Flausen im Kopf, während unsereins hier schuftet!“
„Ich kann jetzt einen Salto!“ verkündete Meta stolz.
„Faaaltooo?“ fragte Pomaranza gedehnt, „kann man daf effen?“
Meta musste lachen. „Das ist ein Sprung, bei dem man sich überschlägt“, erklärte sie.
„Um Himmels Willen, willst du dir den Hals brechen?“ Fobia ließ entsetzt ihr Frühstücksblatt fallen.
„Und wozu soll das gut sein, ein Salto?“ Zilli schien mal wieder nicht das Geringste davon zu halten.
„Na ja, es macht einfach Spaß“, sagte Meta, „ich werde mir morgen einen eigenen Trainingsplatz suchen. Habt ihr nicht auch Lust, zu springen?“
„Nein danke“, lehnte Zilli entrüstet ab, „ich mache mich doch nicht lächerlich!“
„Daf if mir pfu anftrengend“, entgegnete Pomaranza mit vollem Mund, und Fobia wehrte erschrocken ab und meinte, sie sei doch nicht lebensmüde.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008