3. Der Dichterling
oder
Wie man sich einen Reim auf Schmetterlinge macht

 

 

Natürlich kamen die drei, um Meta zuzusehen. Für Fobia und Pomaranza war das eine gute Gelegenheit, um sich vor der Arbeit zu drücken, und Zilli fühlte sich in ihrer Ansicht bestätigt, dass bei Meta mit Sicherheit ein Blatt locker war. Meta trainierte von nun an jeden Tag. Oft sah ihr jemand interessiert dabei zu und bewunderte ihren Salto. Einige gaben ihr Ratschläge, wie sie besser mit den Beinen federn könnte, um höher zu springen. „Training ist alles“, sagte ein Grashüpfer, „du musst deine Muskeln und Gelenke in Gang halten. Am besten sind Kniebeugen, die kannst du überall machen!“ Meta hielt nicht besonders viel von solchen Ratschlägen. Wie sollte sie mit ihren kurzen Raupenfüßen wohl Kniebeugen machen!

 

Eines Tages, als die drei wieder einmal Metas Flugübungen begutachteten, segelte ein Flieger an ihnen vorbei, den noch keine von ihnen zuvor gesehen hatte. Alle vier starrten ihm hinterher. Seine Flügel schimmerten sanft in der Sonne. Er tanzte damit mehr in der Luft, als dass er sich fortbewegte: Mal hierhin und mal dorthin, als hätte er kein Ziel. Er flatterte, er schwebte, stieg auf und nieder, lautlos wie ein Blatt im Wind.

Meta hielt den Atem an. So, genau so war sie in ihrem Traum geflogen! Was für eine Leichtigkeit und Anmut! Ohne Sirren und Summen und Geknatter! Sie richtete sich auf und rief ihm hinterher:
„Halt! Warte! Wer bist denn du?“

Der Flieger überschlug sich fast im Flug, weil er so unversehens gerufen wurde. Als er Meta sah, rief er aus: „So kann nur eine Raupe fragen!

Er wendete und ließ sich neben Meta nieder, indem er fortfuhr:

„Deshalb will ich dir auch sofort sagen,
Wer ich bin,
Hör nur hin:

Bin der Star der Schmetterlinge
Weil ich nicht vom Wetter singe, 
Sondern Kunst, da ich zuerst in 
Reime all’ die Letter zwinge, 
Sodann, damit sich nichts verliere, 
Dies auf Notenblätter bringe, 
Und zum Vortrag hoch empor mich 
Auf die Bühnenbretter schwinge, 
dass von dort in jedes Ohr ganz 
Lauthals mein Geschmetter dringe, 
Und mit Ton und mit Musik dann 
Mein Gedicht noch netter klinge!“ 

Die Raupen schwiegen verblüfft bei diesem Wortschwall. Was war denn das für ein gereimtes Zeug, das dieser Schmetterling da redete! Meta überlegte, wo sie schon mal von Schmetterlingen gehört hatte, während Zilli von solchem Theatervolk nicht viel hielt. Fobia war etwas übel geworden, als die Rede von Hochemporschwingen war, und Pomaranza fragte sich, wie Notenblätter wohl schmecken mochten. Der Schmetterling jedoch genoss den Eindruck, den er machte, und erklärte:

„Ein Dichterling bin ich, müsst ihr wissen. 
Lange hab’ ich üben müssen, [„Das glaub’ ich gern“, höhnte Zilli dazwischen.]
Um mir einen Reim zu machen [„Reim dich oder ich freff dich!“ brummelte Pomaranza.]
Auf all die kuriosen Sachen, 
Die in der Welt um uns geschehen. 
Ich hab’s mit eignem Aug’ gesehen 
Und am eignen Leib erfahren. [„O je, der Arme!“ wisperte Fobia mitleidig.]
Darum mein poetisches Gebaren, 
Damit es alle Welt erfährt, 
Was für ein Wunder hier passiert!“ 

„Das reimt sich ja gar nicht“, unterbrach Zilli ärgerlich, „und von was für einem Wunder redest du da?“
Meta ärgerte sich über die Zwischenrufe. Was war denn das für eine Art! Da lernte sie einen leibhaftigen Schmetterling kennen und Zilli, Fobia und Pomaranza hatten nichts Besseres zu tun, als blöd dazwischen zu quatschen!

Der Dichterling aber sah Zilli vielsagend an und sprach weiter:

„Ich werd’s euch sagen, hört nur her: 
Ich wollt’ schon immer Dichter sein, 
Nur fiel mir nichts Gescheites ein, 
Worüber denn zu dichten wär. [„Na, das kann ich mir vorstellen!“ spottete Zilli.]
Doch seit das Wunder mir geschah, [„Wunder?“ fragte Pomaranza, „gibt’f die?“]
Ist auch mein Denken wie verwandelt, 
Ich habe im Gedicht - wie wunderbar - 
Dieses Wunder nur behandelt!“ 

„Hokuspokus!“ fuhr Zilli wieder dazwischen, „Jahrmarktsgeschrei, sonst nichts! Ein fliegender Händler, der uns Wundermittel andrehen will! Ich lass mich doch nicht für dumm verkaufen! Man weiß doch, was man von diesem fliegenden Volk zu halten hat!“
„Ruhe!“ rief Meta, die unbedingt hören wollte, worum es sich denn nun handelte. Mit einem dankbaren Seitenblick auf Meta fuhr der Dichterling fort:

„Nie hätt’ ich es gedacht, ich Depp, ich, 
Zu wandeln auf dem Blumenteppich!
[Fobia blieb der Mund offen stehen. Hatte er nicht Blumenteppich gesagt?]
Trink’ süßen Nektar nun aus Blütenkelchen - 
Wie oft wünschte ich, ich hätte welchen!
[Pomaranza schluckte. Füfer Nektar!]
Auf Schwingen flieg’ ich über’s Land 
Und trag’ ein königlich Gewand!“
[Nun blieb sogar Zilli die Spucke weg. Ein königliches Gewand!]

Hier machte der Dichterling eine Pause und blickte erwartungsvoll in die Runde. Er hatte wohl gemerkt, dass ihn niemand mehr unterbrochen hatte. Doch Zilli hatte schnell ihre übliche Fassung wiedergewonnen und wetterte los:
„Scharlatan! Schwindler! Teppichhändler! Aber lass es dir gesagt sein: Das kaufen wir dir nicht ab! Keine Teppiche, kein Geschirr und erst recht keine Klamotten. Mit deinem Geschrei kannst du anderen Raupen die Zeit stehlen, aber nicht uns!“ Damit drehte sie sich energisch um und kroch von dannen, ohne den Dichterling auch nur eines Blickes mehr zu würdigen, und Fobia und Pomaranza krochen einmütig hinterdrein.

Meta war richtig erleichtert. „Gut, dass sie weg sind“, sagte sie, „ich wollte dich noch etwas ganz Wichtiges fragen...“
„Habe die Ehre!“ fiel der Dichterling ihr ins Wort,
„und das wäre?“
„Woher hast du deine Flügel?“

Mit einem tiefen Seufzer meinte der Dichterling:

„Davon rede ich doch dauernd!
Doch anstatt dass du erschauernd
Das große Wunder ganz erkennst,
Höre ich mit Recht bedauernd,
dass du nur die Flügel nennst.
Ach, du erinnerst mich sogar
An was ich selber einmal war,
Nur waren meine Flügel die
Der wortgewandten Poesie!“

Meta gab sich Mühe, dem Dichterling zu folgen, aber sie konnte einfach keinen Zusammenhang zwischen Flügeln und Wundern erkennen. Und sie war durchaus nicht der Ansicht, dass er ihre Frage beantwortet hätte.
„Und was ist Poesie?“ fragte sie verwirrt. Der Dichterling war auf diese Frage nicht ganz gefasst. Dementsprechend knapp fiel seine Erklärung aus:

„Äh - Poesie ist Dichtung,
Du erkennst die Richtung
An Reim und Klang
Dein Leben lang!“

Der Dichterling sah unzufrieden drein, ihm genügte diese dürftige Beschreibung offensichtlich selbst nicht. Er machte noch einen Versuch:

„Poesie ist einfach göttlich,
Und du darfst niemals nur spöttlich
Davon reden, denn die Erhabenheit der Worte
Macht die Sprach’ zu einem Horte
Der schöpferischen Geistesquelle,
Und man hat an andrer Stelle,
Ganz romantisch und verklärt,
Sie zum Höchsten schon erklärt.“

Meta schüttelte unwillig den Kopf. „Damit erklärst du aber auch nichts“, sagte sie, „du bewertest die Dichtung ja nur! Und wie ich sie finde, musst du schon mir überlassen!“
Der Dichterling fuhr gekränkt zusammen. Doch er musste Meta recht geben: Er war mal wieder nur ins Schwärmen geraten!

„Verzeih mir, ich bin abgeglitten -
Ich bin ein Schwärmer von Natur!
Es wär nicht gut, wenn wir uns stritten,
Ich versuch’s noch einmal - höre nur:
Der Reim, die Wiederholung eines Lautes,
Bewirkt, dass dir ganz Unvertrautes
Schnell sich einprägt ins Gedächtnis,
So dass du mit dem Vermächtnis
Dich erinnern kannst der Worte
Auch an einem andern Orte.
Der Rhythmus und die Klanggewalt
Lassen dich die Satzgestalt
Von neuem leicht zusammenfügen,
Und das Erinnern - sind wir ehrlich,
Was allzu oft fällt so beschwerlich -
Wird so zum Spiel und zum Vergnügen.“

Meta seufzte. Nun wusste sie zwar ungefähr, was Poesie war und welchen Zweck sie haben konnte, aber sie sah nicht ein, welchen Sinn es haben sollte, sich die Worte merken zu können. Und jetzt waren sie völlig vom Thema abgekommen!
„Weißt du, mir gefällt deine Dichtung schon irgendwie“, begann sie, „aber...“
„Ach“, winkte der Dichterling ab, „das war nur für den Alltag, sozusagen.
Doch lass mich dir nun Kunst vortragen:
Ein Rätsel, das ist mein Gedicht,
Ich wette, du errätst es nicht!“

Er räusperte sich, richtete sich auf und begann feierlich:

„ES ist der Anbeginn des Lebens:
Rund, vollkommen und verborgen
Liegt es still und wartet nicht vergebens,
Denn in ihm träumt das Kind von morgen.

SIE ist des Morgens neues Leben,
Hungrig und voll Neugier gar
Verschlingt sie alles, was die Welt ihr geben
Kann, und was ihr Schutz so lange war.

Doch wie sie ist, wird sie nicht alt,
Sie träumt von einem andern Leben
Und wechselt dreimal die Gestalt,
Um wie im Traum sich zu erheben.

ER ist die Vollendung,
Die Verwirklichung des Traums.
Lange vorbereitet war die Wendung
Von IHR, im Schutze ihres Baums.

ES war noch der Traum von einem Leben,
Das SIE ersehnte. ER nun aber lebt den Traum
Und kann auf bunten Schwingen schweben,
Frei und leicht von Baum zu Baum.“

Der Dichterling machte eine leichte Verbeugung und schwieg erwartungsvoll.
„Doch, ja, es klingt ganz nett“, gab Meta zu, „aber ich verstehe überhaupt nichts davon. Ist das Kunst?“
„Aber ja! Das Leben ist Kunst
Und Kunst ist Leben-
Meins zumindest...“ begann der Dichterling, doch bevor er sich selbst einen Reim darauf machen konnte, unterbrach Meta ihn:
„Ich werde über dein Rätsel nachdenken“, versprach sie. Sie war so viele Verse nicht gewohnt und hatte jetzt genug.

„Es ist die Antwort auf deine Fragen,
Mehr kann ich dir auch nicht sagen.
Eines Tages wirst du’s wissen,
Doch vorher sehr viel rätseln müssen!“

Der Dichterling hielt einen Moment inne, dann meinte er noch:

Mir fliegt alles nur so zu,
Ich bin wirklich kein Filou!
In meinen Worten liegt der Sinn
Tief verborgen immer drin.
Meine Zeit nun stehle mir
Nicht länger. Ich empfehle dir:

Das Geheimnis rate
Im Nu!
Doch meine Reime
Findest du
Kaum zum Gebrauch;
Da kann ich dichten wie ein Skalde.
Warte nur, balde
Fliegest du auch!“

Nach dieser Prophezeiung drehte der Dichterling sich um, klappte seine Flügel zusammen und stieß sich in die Höhe. Meta sah ihm zu und machte eine erstaunliche Entdeckung: Er trennte sich von seinem Schatten! Das gab’s doch nicht! Der Dichterling flog auf und sein Schatten flog ganz woanders hin! Sie sah auf ihren eigenen Schatten, aber der kroch genauso hartnäckig hinter ihr her wie immer, ganz gleich, wie schnell sie auch davonkroch.

Von weitem konnte sie noch den Dichterling hören, der jetzt ein seltsam einsilbiges Lied angestimmt hatte, es klang wie: „Da, da, da...“

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008