4. Der Fremde
oder
Sind rote Warzen gefährlich?

 

 

Am anderen Morgen saß Meta allein auf einem halb angefressenen Blatt und dachte nach. Was hatte der Dichterling zuletzt gesagt? Bald würde auch sie fliegen, hatte sie verstanden. Aber wann? Und wie? Die Antwort musste in seinem Gedicht zu finden sein, doch das Rätsel zu lösen schien ihr völlig unmöglich. ES und SIE und ER...“, schwirrte es in ihrem Kopf herum, „was soll das, immer jemand anderes! Das ist nicht ein Rätsel, das sind drei!“ Meta seufzte und schüttelte den Kopf. Sie wollte der Reihe nach vorgehen, schließlich hatte das Gedicht auch mit dem Anfang begonnen und nicht irgendwo mittendrin. Dieses komische ES war jedenfalls ganz rund gewesen, das wusste Meta noch.
„Rund, rund...“, murmelte sie, „vollkommen rund...“ Auf einmal rief sie aus: „Mein Ei!“
Ihr Ei war das einzige völlig runde Ding, das sie kannte, und das erste, woran sie sich erinnern konnte. War das nicht der Anfang des Lebens? Sie musste sehen, ob es auch sonst passte: Verborgen war ihr Ei auch gewesen, zumindest gut getarnt, so grün auf dem grünen Blatt...

Nach und nach rief Meta sich die Worte ins Gedächtnis. Einmal war es der Reim, der sie auf die Spur brachte, ein anderes Mal der Rhythmus, an dem sie erkannte, ob noch ein Wort fehlte. Je eifriger sie darüber nachdachte, desto mehr Teile fand sie, die sie zusammensetzen konnte. Zuerst hatte sie Sorgen auf verborgen reimen wollen, aber sie war der Ansicht, dass es im Gedicht viel hoffnungsvoller geklungen hatte. Erst, als sie schon aufgeben und die Rätselei auf den nächsten Tag verlegen wollte, war ihr eingefallen: „Was du heute kannst besorgen...“ Wer hätte gedacht, dass sie diesen blöden Spruch von Zilli mal gebrauchen könnte! Von da an war Meta nicht mehr zu halten, bis sie die erste Strophe zusammen hatte.

„Aber wer ist bloß das Kind von morgen?“ überlegte sie schließlich, „oder träumt es von morgen? Jedenfalls träumt es im Ei... - genau wie ich! Das Gedicht ist über mich!“ Aufgeregt über diese Entdeckung wippte sie mit dem Blatt auf und ab.

„He, lass das!“ beschwerte sich Zilli und kam herauf gekrochen. „Kannst du nicht wenigstens frühstücken wie jede andere Raupe auch? Was murmelst du da dauernd vor dich hin?“
„Ich habe nur über das Gedicht nachgedacht, das mir der Dichterling gestern vorgetragen hat, als ihr schon weg wart“, antwortete Meta, „es ist ein Rätsel!“
„Mir ist auch ein Rätsel, wie du dich mit solchem Schwachsinn beschäftigen kannst!“ erwiderte Zilli, „wie konntest du diesem Gaukler bloß so lange zuhören!“
„Aber das Gedicht handelt von uns! Von Raupen! Den ersten Teil habe ich schon gelöst!“
„Der soll sich ja nicht einbilden, etwas über Raupen zu wissen, was ich nicht schon längst wüsste! Dieser Klugscheißer in seinem Clownskostüm! Lächerlich!“
„Aber...!“
„Larifari!“ sagte Zilli verächtlich, „nur Geschwätz!“

Inzwischen war auch Fobia heraufgekommen, und Pomaranza quälte sich gerade noch über den letzten Zweig.
„Das war bestimmt ein Wahrsager!“ flüsterte Fobia ehrfürchtig, „so einer, der die Zukunft voraussagt! Das macht mir Angst!“
„Ach“, meinte Meta, „ich dachte, ein Wahrsager wäre einer, der die Wahrheit sagt!“
„Blödsinn, er hat doch selbst gesagt, er wäre ein Dichter“, sagte Zilli, „und was Dichter sich so zusammenreimen, ist eben erdichtet! Erfunden und erlogen, das weiß man doch! Das einzig Wahre, was er sagte, war, dass er ein Depp ist!“
„Immerhin“, schnaufte Pomaranza beeindruckt, „immerhin hat er kein Blatt vor den Mund genommen!“
Bei diesen Worten schwiegen die anderen erstaunt. Pomaranza sprach völlig fehlerfrei!
„Ein Wunder ist geschehen!“ rief Fobia und erblasste, „du hast deinen Sprechfehler verloren!“
„Da war kein Eff drin!“ entgegnete Pomaranza ungerührt und seufzte: „Ach, daf Dichten ift doch eine blattlofe Kunft!“
„Blattlose Kunst!“ rief Zilli verblüfft, „jetzt wird sie auch noch geistreich!“
„Reiner Pfufall“, meinte Pomaranza und begann, ein zweites Frühstück zu sich zu nehmen.

 

Am Nachmittag erschien plötzlich eine fremde Raupe auf ihrem Zweig. Sie war außerordentlich groß und trug ein grünes, leicht behaartes Kleid mit einem hellen gelben Streifen an jeder Seite, der mit kleinen roten Punkten verziert war. Sie ließ den braunen Kopf traurig hängen und fragte müde:
„Habt ihr vielleicht etwas zu essen für einen armen Wanderer?“
„Wir haben felber nich’ genug“, nuschelte Pomaranza sofort und legte bei der Vernichtung ihrer Zwischenmahlzeit schnell noch einen Zahn zu.
„Der gehört nicht zu uns!“ zischelte Zilli den anderen zu, „er ist anders! Er hat so widerlich gelbe Streifen, und außerdem - “
Meta warf Zilli einen vernichtenden Blick zu. „Ich sehe auch anders aus als ihr, hast du das vergessen?“
Aber Zilli war hartnäckig. „Du bist eine von uns, wir sind eine Familie. Er ist aber keiner von uns!“ fuhr sie unbeirrt fort, „und außerdem sieht er sieht so heruntergekommen aus!“
„Eine Mordraupe!“ wimmerte Fobia, „seht nur diese ekelhaften roten Warzen! Damit kann er bestimmt Gift spritzen! Er wird uns umbringen!“

Etwas verunsichert sah Meta den Fremden an. Solche roten Warzen hatte sie noch nie gesehen. Ob man damit wirklich Gift spritzen konnte? Aber der Fremde sah trotz seiner Größe nicht nur ausgehungert und erschöpft aus, er wirkte gebrochen, als hätte er jede Lebensfreude verloren. Sein Blick war glanzlos und ohne Hoffnung. Gift und Warzen hin oder her, Meta fand seine Erscheinung nicht bedrohlich.
„Ihr habt ja einen Knall, alle miteinander!“ sagte sie zu den anderen und kroch auf den Fremden zu.
„Es war nur eine Frage“, sagte der Fremde niedergeschlagen und drehte sich um.
„Warte doch!“ rief Meta und kam hinterher, „was willst du essen?“
„Ach“, seufzte der Fremde, „ich esse nur Eichenblätter. Aber ich habe es schon aufgegeben, eine Eiche zu finden.“
„Ich helfe dir suchen“, sagte Meta kurzentschlossen und kroch mit dem Fremden den Baum hinunter. Zilli, Fobia und Pomaranza starrten den beiden entsetzt hinterher.

Während sie mit dem Fremden den Baum hinunter kroch, hätte Meta ihn gern gefragt, warum er in diese Gegend gekommen war, wo er doch nichts zu essen gefunden hatte. Aber sie wollte nicht neugierig sein, deshalb dachte sie angestrengt nach, worüber sie stattdessen reden könnte, nur wollte ihr absolut nichts einfallen. Ihn nach seinen Warzen zu fragen, hielt sie auch nicht für die beste Art, ein Gespräch anzufangen. Wie hörte sich das wohl an, vielleicht wie „Bist du giftig?“ oder so... Wenn man sich damit nicht eine giftige Antwort einfinge! Nein, das war unmöglich. Das musste sie sich für später aufheben. Und schließlich hatte sie sich entschieden, keine Angst zu haben. Was musste Fobia einem aber auch für Schrecken einjagen! Auf was für Gedanken die immer kam!

Mitten in diese Überlegungen hinein fragte der Fremde sie unvermittelt:
„Wie heißt du?“
Meta hob den Kopf. Das war mal eine Frage! Die hätte glatt von ihr sein können! Ungemein erleichtert antwortete sie: „Meta. Meta Morfosa, und du?“
„Ich heiße Saturno Sericus. Aus der Familie der Seidenspinner.“
Damit schien das Gespräch wieder beendet zu sein. Nun, auch kurze Gespräche brauchten immerhin einen Anfang, dachte Meta. Aus der Familie der Seidenspinner hatte er gesagt, das klang so vornehm. Hätte sie nicht auch besser hinzugefügt, aus welcher Familie sie stammte? Aber aus der Familie von Zilli, Fobia und Pomaranza klang nicht halb so gut...
Sie merkte, dass Saturno Mühe hatte, mit ihr mitzuhalten, deswegen kroch sie unauffällig etwas langsamer und beschloss, sein Schweigen seiner Erschöpfung zuzuschreiben.

Als sie die Erde erreichten, sah Meta sich nach jemandem um, den sie nach einer Eiche fragen konnte. Valentino war nicht zu sehen, es hatte lange nicht geregnet und der Boden war steinhart. Ohnehin wäre es nicht gerade Erfolg versprechend, einen Blinden nach dem Weg zu fragen, dachte sie. Wahrscheinlich hätte er nur irgendetwas Schlaues über Eichen gewusst, und nicht, wo welche standen. Aber die Ameisen, die mussten sich doch auskennen! Sie hielt eine Ameise an, die genau wie unzählige andere in einer Reihe riesige Blattstücke auf dem Rücken transportierte.
„Eine Eiche, sagst du?“ fragte die Ameise zurück, „hältst du mich für blöd?“
Meta hatte alle Mühe, der Ameise zu erklären, dass sie sie keineswegs für blöd hielt.
„Was glaubst du, was das hier ist?“ fragte die Ameise und wedelte mit dem Blattstück vor Metas Augen herum.
Saturno schnupperte aufgeregt in der Luft und fragte: „Doch nicht etwa Eiche?“
„Du hast es erfasst! Wie ungemein scharfsinnig!“ Die Ameise legte ihre Last ab, streckte sich, und meinte dann, weil sie sah, dass die beiden anscheinend keine Ahnung hatten:
„Seit Wochen plagen wir uns damit ab, genau gesagt, seit dem großen Gewitter, als der Blitz in die Eiche eingeschlagen hat. Habt ihr denn nichts davon gehört? Es war die einzige Eiche weit und breit. Aber bald haben wir alles abtransportiert!“
Saturno wurde bleich. „Alles?“ fragte er entsetzt.
„Wir arbeiten immer sehr gewissenhaft!“ sagte die Ameise gekränkt. „Das Feuer hat nicht alles vernichtet, weil der Regen es bald gelöscht hat. Den ganzen Rest machen wir!“
„Du meinst, von der ganzen Eiche ist nichts mehr übrig?“ fragte Meta enttäuscht.
„Willst du mich schon wieder zum Narren halten? Jeder weiß doch, dass nur eine Seite von der Eiche abgebrochen ist. Der Blitz hat sie gespalten und der Sturm hat den Ast heruntergerissen. Wenn ihr immer unserer Straße nachgeht, könnt ihr es euch selbst ansehen. Ich muss jetzt weiter, die anderen haben mich längst überholt!“ Schon hatte sie ihre Last, die bestimmt zehnmal größer war als sie selbst, wieder aufgeladen und eilte davon.

Meta und Saturno machten sich auf den Weg, an der Ameisenstraße entlang, auf der ein geschäftiges Treiben herrschte. Jede Ameise kontrollierte durch Abtasten und Beschnuppern alle, die ihr entgegenkamen, damit sich keine Fremde in ihre Arbeit einmischte. Die Ameise, die sie befragt hatten, überholte sie mehrmals und kam ihnen genauso oft schwer beladen wieder entgegen.
„Wie schafft ihr eigentlich irgendwas am Tag, bei eurem Tempo?“ wunderte sie sich.

Mehr als einmal bewahrte Meta Saturno davor, in eins von Valentinos Erdlöchern zu rutschen. Saturno war Meta sehr dankbar für ihre Hilfe, und er sagte es ihr.
„Ach was, ist doch selbstverständlich“, sagte sie verlegen. Zum Glück tat sich gerade das hohe Gras auf und gab den Blick auf die Eiche frei.
„Wir sind gleich da, siehst du den Baum?“

Die Blätter der Eiche glänzten in der Nachmittagssonne. Am Boden lag der riesige Ast, fast kahl. Saturno blieb stehen und atmete tief ein. Ja, so roch seine Eiche! Seine Reise hatte ein Ende.

 

Weiter zum fünften Kapitel...

>

Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008