5. Saturno Sericus
oder
Kann Dummheit tödlich sein?

 

„Warum isst du nicht?“ fragte Meta, als sie oben in der Eiche saßen. Saturno seufzte.
„Ich habe keinen Appetit“, sagte er traurig.
Meta wusste nicht, wie sie ihm helfen sollte. Sie konnte ihn zu einer Eiche bringen, aber ihm Appetit machen, das konnte sie nicht.
„Dann erzähl mir, warum“, bat sie ihn leise.
Saturno holte Luft. Ihm fiel es offensichtlich schwer, anzufangen.

„Ich bin einen langen Weg gekommen“, begann er schließlich. „Früher lebte ich mit vielen anderen auf einer Eiche. Es gab viele Eichen dort und es ging uns gut.“ Er schluckte und sah Meta nicht an, sondern starrte auf das Blatt, wo helle Sonnenflecken mit Schatten tanzten.

„Eines Tages haben sie uns einfach weggeschleppt, Tausende von uns eingepfercht in einem dunklen Kasten. Niemand konnte entkommen. Wir hatten alle furchtbare Angst. Panik brach aus und alle stürzten übereinander. Mein Freund wurde vor meinen Augen totgetrampelt, ich konnte ihm nicht helfen, es ging so schnell, ich konnte ihn nicht erreichen.“

Meta schwieg entsetzt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass so etwas Schreckliches geschehen konnte.
„Es war so grauenhaft“, sagte Saturno erschauernd, „viele sind erstickt in der Enge, ich weiß selbst nicht, wie ich das überlebt habe. Die Toten lagen mitten unter uns und starrten uns an...“ Er war blass geworden und zitterte. Meta rückte näher zu ihm hin.
„Wer hat euch das angetan?“ flüsterte sie.
„Menschen“, sagte Saturno, „weißt du nicht, wie groß und stark sie sind? Sie können mit uns tun, was sie wollen.“
Meta nickte stumm. Ja, das wusste sie!
„Sie haben uns wieder freigelassen, o ja, das haben sie“, schnaubte Saturno verächtlich, „sie haben die Toten aufgesammelt und weggebracht. Sie haben uns auch zu essen gegeben, mehr, als wir brauchen konnten, aber wir haben keine Sonne mehr gesehen und keinen Wind mehr gefühlt. Wir hatten Licht, aber es war ein lebloses Licht, das sich nie veränderte. Wir hatten es warm, aber es war auf eine grausame Art immer gleich warm, immer dieselbe Temperatur, in der man nicht friert und nicht schwitzt.“

Meta hörte schweigend zu. Sie sah in die Wolken, die die Abendsonne schon rosa färbte, aber sie nahm sie nicht wahr.
„Weißt du, was das heißt, keinen Sonnenaufgang zu sehen? Weißt du, dass die Luft tot ist ohne Wind? Und dass man nicht schlafen kann, wenn es keine Nacht gibt?“
Meta schüttelte den Kopf. Sie hatte niemals gedacht, dass die Welt anders sein könnte als sie sie kannte.
„Wir warteten, was weiter mit uns geschehen würde, aber es geschah nichts. Das Leben, wenn man es noch so nennen konnte, ging einfach so weiter. Bis eines Tages einer rief: 'Sie haben uns errettet! Begreift ihr nicht, die Menschen haben uns errettet!' Er sagte, die Menschen hätten uns in Sicherheit gebracht, wo kein Vogel uns fressen, kein Sturm und kein Regen uns etwas anhaben könnte. Damit hatte er nicht ganz Unrecht, es schien keine Gefahren mehr zu geben, aber ich traute den Menschen nicht. Die meisten anderen dagegen fingen erleichtert an zu jubeln und den Menschen für die Errettung zu danken. Sie priesen die neue Umgebung, als wäre sie das Paradies. Dieser Verrückte - ich kann ihn einfach nicht anders nennen - hatte sie bald alle überzeugt. Es war schon sehr seltsam, wie in dieser unheimlichen Umgebung plötzlich die Freude ausbrach.“

Saturno machte eine nachdenkliche Pause, bevor er fortfuhr:
„Nach einiger Zeit redete niemand mehr von dem, was geschehen war. Wer doch noch von den Toten sprach oder nur von der Freiheit, aus der wir kamen, der wurde niedergeschrieen. Wir hätten doch alles, was wir zum Leben bräuchten, sagten sie. Und dann begannen sie sogar, sich auf den Großen Schlaf vorzubereiten, als wäre alles in Ordnung.“ Saturno schüttelte den Kopf. „Ich kann das immer noch nicht begreifen.“
Als er merkte, dass Meta ihn fragend ansah, erklärte er:
„Sie fingen an, aus ihrem Seidenfaden einen Kokon zu spinnen, das heißt, sich in ihrer Seide einzuwickeln, um darin einen langen Schlaf zu halten. In diesem Großen Schlaf, so heißt es, geschieht eine großartige Veränderung, wir verwandeln uns, obwohl wir nach außen wie tot erscheinen.“
Meta fiel ein, was Valentino von der Verwandlung gesagt hatte, und ihr kamen tausend Fragen, aber sie hielt sich zurück, um Saturno nicht zu unterbrechen.

„Aber dann geschah doch etwas Furchtbares. Die Menschen kamen und suchten die Kokons zwischen uns heraus, wie sie es vorher mit den Toten getan hatten. Wir schrieen verzweifelt: 'Sie leben doch noch! Sie schlafen im Kokon!', aber die Menschen hörten nicht auf uns. Die meisten beruhigten sich bald wieder mit dem Gedanken, dass alles, was die Menschen taten, sicher zu unserem Besten geschähe. Sie glaubten, die Menschen brächten die Kokons an einen ruhigeren Ort, wo man den Großen Schlaf ungestört verbringen könnte.“
Eine bange Ahnung überkam Meta.
„Und, dachtest du das auch?“ fragte sie Saturno.
„Nein. Ich hatte kein gutes Gefühl, nach allem, was sie uns schon angetan hatten. Weil ich sowieso nicht schlafen konnte, bin ich die Kokons suchen gegangen. Ich habe sie nicht gefunden. Nur eine Fliege fand ich, die völlig geschwächt vor Hunger auf dem Boden lag. Sie hatte sich hereinverirrt und nichts zu essen gefunden. Ich konnte gar nichts für sie tun. Aber sie hat mir das Leben gerettet...“ Saturno sah Meta an.
„Weißt du“, sagte er und schluckte, „sie hat die Kokons gesehen. Sie hat gesehen... was die Menschen... - was sie mit den Kokons...“ Er konnte nicht weitersprechen. Meta rückte noch näher und Saturno verbarg seinen Kopf in ihrer Seite. Sein Leid war mehr, als Meta aushalten konnte, und sie fürchtete sich zu hören, was mit den Raupen in den Kokons geschehen war. Aber sie fühlte, dass Saturno alles erzählen musste.
„Sag es mir“, flüsterte sie fast unhörbar.

Saturno hob den Kopf. Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden am Horizont. Die Stimmen der Vögel verstummten. Meta hielt den Atem an, als Saturno endlich tonlos sagte:
„Sie haben sie in heißes Wasser geworfen.“

Seine Worte dröhnten in der Stille und hallten endlos nach in Metas Kopf, als wäre es darin völlig leer. Kein Gedanke war groß genug, um das zu fassen, um tausendfachen Mord zu begreifen.
„Aber warum?“ flüsterte sie, „warum haben die Menschen das nur getan?“
„Das weiß ich nicht. Auch die Fliege konnte mir nicht mehr sagen. Sie bat mich nur, die anderen zu warnen und zu fliehen, sonst würden wir alle sterben.“
„Und wo sind die anderen?“ fragte Meta beklommen.
„Sie haben mir nicht geglaubt. Sie sagten, ich sei verrückt und sollte ihnen nicht solche Angst machen. Sie hatten genug zu essen und das reichte ihnen. Sie wollten gar nicht wissen, was morgen passiert.“
„Nein!“ rief Meta.
„Doch, es ist wahr. Außerdem sagten sie, wie ich bloß einer Fliege glauben könnte, man wüsste doch, wie die wären, dass sie ihren Rüssel überall reinstecken, in jeden Dreck.“ Saturno schüttelte wieder den Kopf. „Sie hatten die Fliege nicht gesehen! Sie hatte all ihre Kraft und ihren Mut verloren, als sie das Schreckliche gesehen hatte. Warum hätte sie lügen sollen?“
„Und du, hast du nicht auch den Mut verloren?“
„Ja, das habe ich. Vor allem, als ich begriff, dass niemand etwas dagegen tun wollte. Sie wollten nicht wahrhaben, dass mit uns dasselbe geschehen würde. Ihre Dummheit hat mich so unglaublich wütend gemacht, dass ich sie alle am liebsten selber umgebracht hätte. Aber durch meine Wut wurde ich stark, so stark, dass ich fliehen konnte. Ich hatte nichts mehr zu verlieren außer meinem Leben, denn meine Freunde hatte ich schon verloren.“

Eine Amsel begann zu singen. Ihr Lied klang wie eine traurige Frage, auf die es keine Antwort gab. Die klaren Töne zerschnitten die Stille. Saturno schluchzte. Meta rieb ihren Kopf an seinem, damit er fühlen konnte, dass er mit seinem Schmerz nicht mehr allein war.

Im roten Sog der untergegangen Sonne versanken zwei Wolken und zogen den Kummer langsam mit sich fort. Von irgendwo in der Ferne hörten sie eine zweite Amsel singen - keine Antwort, aber ein leiser Trost. Saturno sah auf.
„Sie sind gefährlich, die Amseln, aber singen, das können sie“, sagte er.
„Ja“, flüsterte Meta, „sie singen schön. Grausam schön. Und wenigstens fressen sie einen dann nicht.“

Die Blätter um sie herum hatten ihr sattes Grün verloren und waren zu einem einzigen Dunkel verschmolzen, das sich gegen den leuchtenden Abendhimmel abhob.
„Jetzt fängt die blaue Stunde an“, seufzte Saturno, „was für ein schönes Licht!“
„Wo geht denn die Farbe hin, wenn es dunkel wird?“ fragte Meta.
„Ich weiß nicht“, erwiderte Saturno, „aber ich glaube, die Sonne nimmt sie mit sich fort und bringt sie am Morgen wieder mit. - Komm, ich will dir die Sterne zeigen!“
Sie krochen in die Krone der Eiche hinauf und Saturno zeigte in die Richtung, wo der Himmel schon dunkel war.
„Ich seh’ nichts“, wisperte Meta.
„Du musst länger hinschauen!“
Meta sah angestrengt in den Abendhimmel hinauf und entdeckte ein glänzendes Pünktchen.
„Sieh mal!“ rief sie aufgeregt, „eine winziges Licht! Und da! Noch eins! Ganz viele!“ Sie drehte sich, bis ihr schwindelig wurde.
„Oh, ist das schön!“ seufzte sie und ließ sich auf das Blatt plumpsen.

„Seit ich von -“ Saturno stockte, „seit ich von da fortgegangen bin, habe ich immer auf die Nacht gewartet. Im Dunkeln werde ich ruhig und der Anblick der Sterne tröstet mich. Und...“, er zögerte, „vielleicht findest du es albern oder verrückt, aber immer, wenn ich in die Sterne sehe, bekomme ich einfach Lust, zu fliegen...“ Er sah unsicher zu Meta herüber, aber er konnte ihr Gesicht nicht erkennen.
„Lach nicht“, bat er, „ich habe noch nie jemandem davon erzählt.“

Meta fühlte ein Glucksen in sich aufsteigen wie eine sprudelnde Quelle.
Fliegen hast du gesagt? Du willst wirklich fliegen?“ Sie sprang auf, wirbelte den verwirrten Saturno herum, küsste ihn mitten auf die Stirn und rief: „Ich auch!“
Sie riss Saturno mit in einem Tanz aus Freude und vergehendem Schmerz. Sie drehten sich auf dem Blatt, das unter ihrem Taumel schwankte, bis sie stolperten und atemlos liegen blieben. Dann kuschelten sie sich aneinander und Meta flüsterte:
„Ich würde schrecklich gern mit dir zusammen fliegen!“
„Ich auch mit dir“, flüsterte Saturno zurück.
Die Nacht legte sich wie ein schützender Mantel um die beiden, die dicht zusammengerollt auf dem Blatt der Eiche lagen und erschöpft einschliefen.

 

 

Der Wurm nahm sich daran ein Beispiel, denn wieder war die Nacht vorbei. Er schien sowieso ganz unberührt von der ganzen Geschichte zu sein, während mir im letzten Kapitel die Tränen in die Augen gestiegen waren. Ja, er war genauso teilnahmslos wie jedes andere Schreibgerät auch, und wie er so still zusammengerollt dalag, erinnerte er mich an diese langen, biegbaren Kugelschreiber, die es in so schrillen Geschenkläden gibt.

Am Abend, kurz nach Sonnenuntergang, saß ich bereits vor dem Papierstapel und wartete sozusagen auf den Wurmfortsatz, als sich der Wurm endlich wieder zu rühren begann...

Weiter zur vierten Vigilie...

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008