1. Traum und Sehnsucht
oder
Ist Sehnen eine Sucht?

 

 

Als Meta aufwachte, war Saturno verschwunden. Einen Augenblick dachte sie, sie hätte alles nur geträumt, aber sie saß immer noch auf dem Eichenblatt. Sie sah sich um und entdeckte Saturno, der schweigend dasaß und ihr den Rücken zukehrte. Ihr wurde ganz froh zumute. Sie kroch an seine Seite und wollte ihn begrüßen, aber Saturno war ernst.

„Ich muss dir was gestehen, Meta“, sagte er. Meta erschrak.
„Ich glaube, ich muss bald sterben.“
„Warum?“ fragte sie verstört.
„Ich kann keine Seide mehr spinnen - weißt du, was das heißt?“
„Ja“, flüsterte Meta. Saturno würde niemals den Großen Schlaf halten können.

„Erzähl mir von deinem Traum!“ bat Saturno sie unvermittelt.
Von ihrem Traum? Jetzt? Meta wusste gar nicht, wo sie anfangen sollte. „Weißt du, was ein Schmetterling ist?“ fragte sie ihn schließlich. Saturno nickte.
„So möchte ich fliegen, wie ein Schmetterling!“
„Du hast Recht, sie fliegen am schönsten von allen, so lautlos und leicht...“ Saturno lächelte.
„Ja, und weißt du was, wenn sie aufsteigen, fliegt ihr Schatten weg, einfach weg! Kannst du dir das vorstellen?“
Saturno hatte es noch nie bemerkt. „Das ist eine schöne Vorstellung“, sagte er, „es ist, als ob man sich mit dem Schatten von allen Sorgen trennen könnte...“

Nach einem kurzen Schweigen meinte er: „Du nimmst deinen Traum sehr ernst, nicht wahr?“
„Sicher“, erwiderte Meta, „wozu bin ich denn sonst am Leben? Nur zum Bäumekahlfressen? Das kann doch nicht alles sein!“
Saturno nickte. „Ich habe dir gestern erzählt, dass ich immer die Sterne angeschaut und vom Fliegen geträumt habe...“
„Ist das denn nicht wahr?“ fragte Meta bestürzt.
„Doch. Aber meine Art zu träumen war nicht sehr gesund für mich. Am Tag bin ich gekrochen, bis ich nicht mehr konnte. Ich habe nichts gegessen. Nachts blieb ich wach, um in der Dunkelheit meinen Schmerz zu betäuben. Ich war so schrecklich allein. Die Freiheit bedeutete mir nichts mehr. Ich wünschte mir Flügel, um ganz weit wegzufliegen. Ich saß nur da, sah in die Sterne und träumte, ich flöge durch die Nacht. Die Sterne berauschten mich. Nur so konnte ich für einen Moment vergessen. Aber mein Traum war zur bloßen Sehnsucht geworden.“
„Was meinst du mit Sehnsucht?“ fragte Meta.
„Das heißt, dass ich mich gesehnt habe, wegzufliegen und süchtig danach war, es in Gedanken zu tun. Ich habe geträumt, weil ich die Wirklichkeit nicht ertragen konnte. Ich habe meinen Traum nur benutzt, um in eine andere Welt zu fliehen. Und immer, wenn ich zurückkam, wenn es Tag wurde, war alles noch schlimmer als vorher.“ Saturno senkte den Kopf und starrte auf das Eichenblatt.
„Und was ist ein Traum ohne Wirklichkeit? Ein Traum ohne Zukunft, ein toter Traum...“

Meta wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr war nie in den Sinn gekommen, ihren Traum aufzugeben. Nichts mehr zu suchen, nichts mehr auszuprobieren und nur ans Fliegen zu denken, das hieß für sie aufgeben. Saturno hatte nichts getan, um seinen Traum wahr zu machen. Wie sollte er fliegen lernen, wenn er noch nicht einmal mehr aß, um am Leben zu bleiben? Andererseits musste Meta zugeben, dass nichts, was sie erlebt hatte, sie so mutlos gemacht hatte wie ihn.
„Weißt du“, sagte Saturno müde, „Träume sind so vielfältig wie das Leben selbst. Sie geben dir Kraft und halten dich am Leben. Aber die Sehnsucht hält dich vom Leben ab, sie zehrt dich auf. Vielleicht ist jede Sehnsucht im Grunde nur die Sehnsucht nach dem Tod. Und der Tod ist immer gleich.“
Meta wurde blass. Saturno hörte sich an, als ob er auf der Stelle sterben wollte.
„Du darfst jetzt nicht aufgeben!“ rief sie und stieß ihn an.
Saturno schüttelte bloß den Kopf. „Es ist zu spät.“
„Was?“ Meta wurde wütend. „Wenn du jetzt aufgibst, war alles umsonst! Du konntest nichts dafür, dass die Menschen euch gefangen nahmen, aber du hast versucht, zu entkommen. Du hast es geschafft! Es war fast unmöglich, eine Eiche zu finden, aber du hast sie gefunden! Ich kann verstehen, dass du verzweifelt warst, aber dass du dich hängen lässt, das kann ich nicht verstehen. Du hast dich kaputt gemacht! Jetzt bist du selber schuld, wenn du keine Seide mehr spinnen kannst!“ Trotz ihrer Wut war Meta zum Heulen zumute. Aber jetzt war nicht die Zeit dazu.
„Du hast auch jetzt eine Chance!“ schrie sie, „nur eine einzige, winzig kleine Chance! Nutze sie gefälligst!“ Sie riss ein Eichenblatt in Stücke, die sie ihm vor die Füße warf: „Iss!“
Saturno sah auf die Blätterfetzen. Meta hatte Recht. Er konnte jetzt dasitzen und auf seinen Tod warten. Das konnte man immer tun. Aber er könnte auch...
Zögernd biss er von einem Blattstück ab und kaute. Ihm wurde übel. Er kämpfte dagegen an und würgte alles hinunter. Sein Körper sträubte sich, wieder Nahrung aufzunehmen. Saturno biss noch einmal ab. Er wollte seinem Bauch keine Zeit lassen, sich zu wehren. Beharrlich biss er ab, kaute, schluckte. Immer wieder, ohne nachzudenken.

Meta hatte noch nie jemanden so schrecklich essen sehen. Saturno quälte sich bei jedem Bissen. Sie sah ihm zu und sagte nichts. Sie dachte an Zilli, die ihre feinen Spitzen so etepetete aß, an Fobia, die immer nur lustlos knabberte und an Pomaranza, die einfach alles verschlang. Saturno aß um sein Leben. Meta hätte eher erwartet, dass er ungeheuer schnell ganz furchtbar viel essen müsste. Wenn man um sein Leben kroch, tat man das ja auch so schnell und so weit wie möglich. Aber beim Essen war das wohl anders. Wahrscheinlich, weil sonst alles genauso schnell wieder draußen wäre, dachte sie.

Nach einer Weile stöhnte Saturno: „Ich kann nicht mehr!“
„Iss!“ wiederholte Meta unerbittlich.
Er seufzte und zog ein weiteres Stück zu sich heran. „Ich tu es nur für dich.“
„Red’ nicht so einen Quatsch“, sagte Meta ernst, „du tust es für dich, für dich ganz allein!“
„Freust du dich denn gar nicht?“ Saturno sah Meta so bestürzt an, dass sie lächeln musste.
„Doch“, sagte sie, „genau deswegen freue ich mich.“

Saturno kämpfte drei lange Tage mit sich. Er schluckte jeden Bissen wie Medizin. Meta hatte sich entschlossen, bei ihm zu bleiben, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als ebenfalls diese seltsamen Eichenblätter zu essen, die allesamt aussahen, als wären sie schon angefressen. Zum ersten Mal empfand auch sie Essen als Arbeit, obwohl sie keineswegs daran dachte, die ganze Eiche kahl zu fressen. Am dritten Tag hatte sie sich daran gewöhnt.

Während dieser Zeit versuchte Meta, Saturno aufzumuntern. Sie erzählte ihm von Zilli, Fobia und Pomaranza, von Valentino, der Flugschule und dem Dichterling. Sie schilderte ihm die Erlebnisse, die sie gehabt hatte, und immer wieder sprach sie von ihrem Traum und ihren Flugversuchen.
„Du bist schon verrückt“, sagte Saturno manchmal zu ihr, wenn ihm Metas Abenteuer allzu unglaublich vorkamen. Aber wenn er das sagte, klang es ganz und gar nicht verächtlich.

Saturno ging es zusehends besser. Es war aber nicht das Essen allein, was ihn stärkte. Er war sehr froh, dass Meta bei ihm war. Er hörte ihr gern zu, und ihre Erzählungen lenkten ihn ab und erheiterten ihn. Am vierten Tag war er so weit wieder bei Kräften, dass Meta ihm vorschlug, mal etwas anderes zu machen.
„Hast du Lust, Valentino kennen zu lernen?“ fragte sie ihn, „wir könnten ihn heute besuchen, wenn du magst.“
Das wollte Saturno gern.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008