2. Die Tonne
oder
Was sind Schädlinge?

 

 

Sie fanden Valentino damit beschäftigt, ein riesiges glänzendes Ding zu untersuchen, das vor einem großen Kohl auf der Erde lag.
„Hallo, Valentino! Ich bin es, Meta!“
„Ach, Meta Morfosa, die Verwandlung! Das ist aber schön, dass du mich besuchen kommst!“
„Ich habe einen Freund mitgebracht, er heißt Saturno.“
„Freut mich. Deine Freunde sind auch meine Freunde“, sagte Valentino, der seine Untersuchungen unterbrochen und sich den beiden zugewandt hatte. Saturno fand Valentino gleich sehr nett, und er war froh, Freunde zu haben.

Meta erzählte Valentino, dass sie in der Flugschule zwar kein Flugzeug gefunden, aber sehr viel Spaß mit den frechen Käfern gehabt hätte.
Valentino lachte und meinte: „Das sieht dir ähnlich!“ Dann wandte er sich an Saturno, der bis dahin geschwiegen hatte: „Wie heißt du weiter, Saturno?“
Saturno Sericus ist mein ganzer Name“, antwortete er.
Valentino konnte es nicht lassen, die Bedeutung des Namens zu suchen.
„Sericus“, wiederholte er, „das ist Latein und bedeutet Seide. Du bist ein Seidenspinner, nicht wahr?“
Saturno lächelte. Meta hatte ihm erzählt, woher Valentino so viel wusste, und wie erstaunlich es war, dass er soviel über jemanden sagen konnte, wenn er nur den Namen kannte.
„Weißt du, dass der Saturn ein Stern ist?“ fuhr Valentino fort, „du bist sozusagen ein Stern unter den Seidenspinnern!“
„Das passt sehr gut, ich liebe die Sterne sehr“, sagte Saturno, „was weißt du über die Sterne?“ Ehe sie sich’s versahen, waren beide in ein astronomisches Gespräch vertieft.

Währenddessen begutachtete Meta das glänzende Ding vor dem Kohl. Ob das vielleicht ein Flugzeug war? Aber nein, dafür war es sicherlich zu groß, und Flügel hatte es auch keine, nicht mal einen!

„Aber dein Leben ist nicht gerade leicht, habe ich recht?“ hörte sie jetzt Valentino zu Saturno sagen, „in der Astrologie schreibt man dem Saturn hemmende Eigenschaften zu, er ist wie so eine Art Stein, der einem in den Weg gelegt wird... Gibt es etwas, das dich bedrückt?“
Meta sah Saturno an. Er sah nicht so aus, als ob er darüber sprechen wollte. Sie kam ihm zu Hilfe: „Sag Valentino doch mal, was du über die Verwandlung weißt“, meinte sie und fügte fachsimpelnd hinzu: „In seiner etymologischen Abteilung fehlte nämlich der zweite Band!“
„Ach, du weißt etwas darüber?“ fragte Valentino sofort interessiert, so dass ihm Metas Fehler völlig entging.
„Nicht viel, nur vom Hörensagen“, erwiderte Saturno. Er erzählte Valentino vom Großen Schlaf und von den Kokons aus Seide. „Es heißt, dass während des Großen Schlafs eine Verwandlung geschieht“, Saturno schluckte, „aber ich habe noch nie jemanden getroffen, der den Großen Schlaf überlebt hat.“
„Das heißt, du hast nie jemanden aus diesen Kokons wieder herauskommen sehen?“ fragte Valentino.
„Nein, aber das ist eine lange Geschichte“, sagte Saturno ausweichend.
„Was ist das eigentlich für ein Ding hier?“ lenkte Meta ab. Sie klopfte mit einem Stöckchen leicht dagegen und es gab ein leises „Ping!“ von sich.
„Ach, das“, sagte Valentino, „das muss was von den Menschen sein. Die machen lauter so seltsames Zeug! Sagt mir mal, wie es aussieht“, bat er, „ich hatte meine Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.“

Meta kroch links, Saturno rechts um das Ding herum.
„Es ist groß...“, begann Meta, „und rund...“
„Aber länger als breit“, ergänzte Saturno. „Auf dieser Seite ist ein Loch!“ rief er aufgeregt. Plötzlich klang seine Stimme hohl und dumpf: „Und stinken tut das vielleicht hier drin!“ Angewidert kam er wieder zum Vorschein.

„Ach, eine Tonne ist das!“ sagte Valentino, „man sagt auch Behälter, Dose oder Fass dazu, je nach Größe und Art des Materials, aus dem sie hergestellt ist. Die alten Griechen wohnten in so was, jedenfalls einer, der hieß Diogenes...“
Meta und Saturno sahen sich zweifelnd an. Keiner von beiden wusste, wer Diodingens und die kriechenden Alten waren.

„Auf alle Fälle liegt sie genau auf einem meiner Eingänge“, redete Valentino weiter. „Natürlich kann ich jederzeit eine Menge neuer Eingänge graben, aber man wundert sich doch, was sie ausgerechnet hier zu suchen hat!“
„Es klebt auch was drauf mit lauter seltsamen Zeichen“, stellte Meta fest. Die ersten drei Zeichen sahen etwa so aus:

SCH

„Das erste sieht aus wie eine Schlange...“ begann Meta.
„Und das zweite wie ein Halbmond“, ergänzte Saturno.
„Aber das dritte?“ Meta schüttelte ratlos den Kopf. „Ich kann damit gar nichts anfangen!“
„Das müssen Buchstaben sein“, sagte Valentino, „aber wenn es Buchstaben sind, ist es völlig egal, wie sie aussehen“, meinte er und schnupperte daran, „wie sie schmecken, ist wichtig. Moment, das haben wir gleich!“ Er knabberte an dem Papier.
„Was machst du denn da?“ fragte Saturno erstaunt.
„Ich untersuche das Papier. Es ist essbar, also werden wir gleich wissen, was es bedeutet.“ In Windeseile fraß Valentino das ganze Papier von der Tonne ab. Meta und Saturno wurde beinahe schlecht vom Zusehen.
„Grandios!“ schwärmte Valentino, „lauter magenfreundliche Majuskeln!“ Er schmatzte genüsslich. „Die Minuskeln sind immer etwas minderwertig“, fügte er erklärend hinzu.
„Was für Muskeln?“ fragte Meta irritiert, „ich dachte, du sagtest, es wären Buchstaben!“
„Sind es ja auch. Ein Majuskel ist ein Großbuchstabe“, erläuterte Valentino.
Saturno sah Meta fragend an, aber die schüttelte nur den Kopf, was so viel heißen sollte wie: „Lass ihn reden, man braucht ja nicht alles zu wissen!“

„Also“, sagte Valentino schließlich, „ich weiß jetzt, was es heißt.“ Er schluckte das letzte Stückchen hinunter und verkündete:

„SCHÄDLINGSVERNICHTUNGSMITTEL!“

„Aha“, sagten Meta und Saturno gleichzeitig, aber sie waren genauso schlau wie vorher. „Und was soll das sein?“
„Das ist ein Mittel, mit dem man Schädlinge vernichtet“, erklärte Valentino.
„Was du nicht sagst! Aber was sind Schädlinge?“ fragte Saturno.
„Schädling... Schädling...“, grübelte Valentino, der ungern zugeben wollte, dass er sich darunter auch nichts Genaues vorstellen konnte, „also, ein Liebling ist jemand, der geliebt wird. Dann muss ein Schädling jemand sein, dem geschadet wird, meint ihr nicht auch?“
„Nein“, sagte Meta entschieden, „wenn jemandem Schaden zugefügt wird, dann muss man ihm doch helfen. Dann braucht man ein Schädlingshilfsmittel, aber kein Vernichtungsmittel!“
Das leuchtete Valentino ein, und auch Saturno fand das sehr logisch.
„Aber was ist ein Schädling dann?“ fragte er.
Meta hatte eine Idee. „Vielleicht ist ein Schädling jemand, der selber Schaden anrichtet! Schließlich ist ein Dichterling auch einer, der selber dichtet.“
„Und Schädlinge, die Schaden anrichten, müssen vernichtet werden, schätze ich!“ triumphierte Saturno.
„Hervorragend!“ lobte Valentino, „das muss es sein!“
„Aber wer richtet denn hier Schaden an?“ fragte Meta und knabberte geistesabwesend an dem Kohl. „Brrr! Wie scheußlich!“ schimpfte sie und spuckte alles wieder aus.
„Weiß ich nicht“, sagte Valentino und schüttelte den Kopf, „ich kenne niemanden, dem so etwas zuzutrauen wäre.“
„Aber ich“, sagte Saturno ernst, „die Menschen!“
„Ich weiß nicht“, sagte Valentino zweifelnd, „in ihren Büchern habe ich nie etwas Schlechtes über sie gefunden! Sie nennen sich selbst die Krone der Schöpfung!“
Meta nahm Valentino zur Seite und flüsterte: „Sei still, Valentino. Saturno hat Recht. Sie haben sein ganzes Volk ausgerottet!“
Valentino erschrak. „Das tut mir leid, das habe ich nicht gewusst“, sagte er bestürzt.

Nun erzählte Saturno ihm doch die ganze traurige Geschichte.

„Jetzt weißt du, warum ich nie jemandem nach dem Großen Schlaf begegnet bin“, schloss er. Valentino war währenddessen erblasst. Ihm war ein furchtbarer Zusammenhang klar geworden.
„Die Seide...“, stammelte er, „die Menschen tun das wegen der Seide!“
„Was denn, meinst du den Faden? Die ermorden uns nur wegen dem Faden?“ fragte Saturno entsetzt.
„Ja, sie haben richtige Fabriken dafür. In so einer Seidenfabrik musst du gewesen sein, Saturno! Aus der Seide knüpfen die Menschen Teppiche und weben Stoffe, mit denen sie sich kleiden...“ Valentino lief ein Schauer über den Rücken. „Ich wusste bis jetzt nicht, woher sie die Seide nehmen!“
Die drei schwiegen. Keiner von ihnen konnte diese Grausamkeit begreifen.

Auf einmal meinte Valentino verblüfft:
„Das ist aber seltsam! Wenn die Menschen dieses Schädlingsvernichtungsmittel gemacht haben und selbst die Schädlinge sind, dann vernichten sie sich ja selber!“
„Wie dumm von ihnen!“ entfuhr es Meta.
„Ja“, sagte Saturno, „dumm und grausam.“
„Wisst ihr was“, meinte Meta schließlich, „für uns kann es nur gut sein, wenn sich die Menschen gegenseitig vernichten!“
„Ja“, nickte Valentino zufrieden, „aber ihre Bücher, die werden übrig bleiben!“

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008