3. Der Kokon
oder
Wie viel Meter Faden braucht man zum Schlafen?

 

 

Am anderen Morgen beim Frühstück betrachtete Meta Saturno und fand, dass er sich verändert hatte. Er sah ganz und gar nicht mehr heruntergekommen aus, und seine Art zu essen war nicht mehr nur um zu überleben, sondern er aß, weil er lebte. Er verschlang inzwischen geradezu ungeheure Mengen und schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. Je mehr er aß, desto lebhafter wurde er.
„Weißt du“, sagte er schließlich mit glänzenden Augen und vollem Mund, ungefähr zwischen seinem dritten und vierten Frühstück, „ich habe lange nicht mehr mit solcher Freude gegessen, schätze ich!“
„Ich weiß“, Meta grinste, „du isst ja mehr als Pomaranza an ihren besten Tagen!“
„Meinst du die Dicke? Die isst aber nur aus reiner Gier und Langeweile.“
„Woher weißt du das?“
„Na, ich habe sie doch gesehen, so fett und fade wie die ist! Und hast du nicht bemerkt, wie sie schnell noch alles runtergewürgt hat, nur um mir nichts abzugeben?“
Meta kicherte: „Dabei wusste sie gar nicht, dass du Lindenblätter nicht isst!“
Saturno schüttelte lachend den Kopf. „dass es Raupen gibt, die Angst haben, man könnte ihnen was wegessen!“
„Ts, ts“, Meta sah Saturno schräg von der Seite an, „dass es Raupen gibt, die erst dann essen, wenn man es ihnen befiehlt!“
Saturno war diese Bemerkung sichtlich peinlich, aber er hatte Humor. „Ach“, sagte er verlegen, „man kann ja nicht immer von selber drauf kommen!“

Meta fiel ein, dass sie Saturno immer noch nicht nach seinen Warzen gefragt hatte.
„Sag mal“, begann sie zögernd, „wozu hast du eigentlich diese roten Warzen?“
Wenn Meta nun eine Antwort erwartete (und das tat sie), die etwa so klang wie: „Damit kann ich fürchterliches Gift spritzen, aber dich bespritze ich nicht, weil ich dich mag“, dann sollte sie sich gründlich getäuscht haben. Saturno sah zuerst verwundert drein, aber dann begriff er wohl, dass ihrer Frage eine heimliche Befürchtung zugrunde liegen musste. Er verkniff sich sein Lachen und fragte, indem er Metas Tonfall übertrieben nachahmte:
„Sag mal, wozu hast du eigentlich diese unglaublich furchteinflößenden braunen Streifen?“
Meta fühlte sich durchschaut. Nun war die Reihe an ihr, sich verlegen zu winden.
„Naja“, meinte sie entschuldigend, „man kann ja nicht immer von selber drauf kommen!“ Und dann brachen beide in schallendes Gelächter aus, das in der ganzen Eiche widerhallte.

Während der letzten Tage hatte Meta sich immer wieder Gedanken über das gemacht, was Saturno ihr erzählt hatte. Sie fragte sich, wer an dem Tod der anderen Seidenspinner die Schuld trug: Dieser Verrückte, wie Saturno ihn nannte, weil er die Menschen falsch eingeschätzt hatte? Oder die anderen selbst, weil sie ihm geglaubt hatten? Oder allein die Menschen? Schließlich fragte sie Saturno, was er darüber dachte.

„Ich habe mich das auch oft gefragt“, sagte er, „aber eine Antwort habe ich nicht gefunden. Dieser Spinner hat ihnen falsche Hoffnungen gemacht, aber ihre Freude war echt. Welchen Preis haben sie dafür zahlen müssen! Vielleicht sind sie in ihrer Täuschung glücklich gestorben - aber gestorben sind sie. Glaube und Hoffnung ändern gar nichts an den Tatsachen. Weißt du, die Menschen sind für uns wie eine Naturkatastrophe: Man kann ihrer Willkür nicht entrinnen. Aber ich denke, wenn es eine Chance gibt, muss man sie nutzen, das hast du mir selbst gesagt, weißt du noch?“
Meta nickte. „Die Chance hattet ihr aber erst, als ihr wusstet, was passieren würde, oder?“
„Ja, da erst konnten wir uns wirklich entscheiden. Ein Glaube ist so gut oder schlecht wie der andere. Und ob man zuversichtlich oder niedergeschlagen ist, hängt davon ab, wie man die Dinge betrachtet. Aber ich hatte einen Beweis dafür, dass alle Kokons vernichtet würden, während niemand bestätigen konnte, dass auch nur einer lebend daraus hervorgekommen sei. Für mich ist das keine Frage des Glaubens mehr.“ Er schüttelte den Kopf. „Wer weiß, ob die Flucht mit so vielen überhaupt geglückt wäre. Ich weiß nicht, wie viele dabei gestorben wären. Aber ist das wichtig? Manchmal muss man wohl sein Leben aufs Spiel setzen, um es zu behalten.“ Saturno kroch den Ast entlang zu den frischen Trieben und wippte bedenklich darauf herum.
„Was hast du vor?“ fragte Meta ihn erschrocken.
„Essen, schätze ich!“ sagte Saturno grinsend und besah sich seinen Bauch, der schon eine üppige Form angenommen hatte, „ist es nicht Zeit für ein kleines Mittagessen?“
Meta lachte. Sie aßen gemeinsam und keiner von beiden verschwendete einen Gedanken daran, dass das Essen ihre Arbeit war. Sie aßen, weil sie Appetit hatten, weil es schmeckte und weil es ihnen einfach Spaß machte.

Es wurde Zeit, dass Saturno ausprobieren musste, ob er wieder Seide spinnen konnte. Er fühlte sich gesund, aber er wusste, dass sein Leben von dieser Frage abhing.
„Ich habe Angst“, gestand er.
„Ich weiß“, sagte Meta leise. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie Saturno verlieren würde, so oder so. Die schreckliche Frage, auf welche Weise es sein würde, konnte sie nicht länger ertragen. Als hätte er ihre Gedanken erraten, sagte er:
„Es hat keinen Sinn, es aufzuschieben. Ich muss es wissen.“
Meta nickte. „Versuch es“, sagte sie ihm, „ich warte oben in der Krone auf dich.“
Saturno sah sie dankbar an. „Meta... wirst du dann bei mir bleiben, bis... - bis zum Ende?“
„Ja, das werde ich.“

Meta brauchte nicht lange zu warten, bis ein freudestrahlender Saturno auftauchte und verkündete:
„Meta! Es geht! Ich kann wieder Seide spinnen!“
Alle Traurigkeit war verflogen. Saturno würde leben!
„Hier, in der Krone dieser Eiche, will ich den Großen Schlaf halten, das schwöre ich dir!“ sagte er.
„Meinst du nicht, es ist hier oben zu gefährlich?“
„Nein“, sagte Saturno entschieden, „ich fürchte mich vor gar nichts mehr. Und wenn ich aufwache, will ich gleich die Sterne sehen!“
„Woher willst du denn wissen, dass du nachts aufwachen wirst?“ fragte Meta verwundert.
„Das habe ich so im Gefühl!“ erklärte Saturno. Meta sah ihn groß an. Er war schon jetzt wie verwandelt, wenn man bedachte, dass er noch vor wenigen Tagen dem Tod so nahe gewesen war. Sie fragte sich, was um Himmels Willen beim Großen Schlaf geschehen würde...
„Hast du jetzt vielleicht auch im Gefühl, was im Kokon passieren wird?“ fragte sie deshalb vorsichtig. „Glaubst du, dass man sich im Großen Schlaf verwandelt?“
„Ich weiß nicht, was danach kommt“, sagte Saturno, „aber ich weiß bestimmt, dass er notwendig ist, genau wie die Kleiderwechsel. Wir wachsen und müssen uns verändern, sonst... - sonst gehen wir zugrunde! - Jetzt mach nicht so ein Gesicht! Es wird gut werden!“
Meta konnte Saturnos Vorfreude nicht so ganz nachvollziehen, aber es tat gut, ihn so zuversichtlich zu sehen. Doch dann wurde er wieder ernst.

„Es ist wie eine lange Reise“, sagte er, „und das einzige, was mich dabei traurig macht, ist, dass ich dich nicht mitnehmen kann. Manche Wege muss man allein gehen...“
Saturno sah sie an. Meta nickte.
„Aber du hast auch einen langen Weg vor dir. Wenn ich eingeschlafen bin, musst du zu deiner Linde zurückkriechen, versprich mir das!“
Meta versprach es, obwohl sie sich im Moment absolut nicht vorstellen konnte, was sie dort sollte. Sie half Saturno, einen ruhigen Platz zu finden, wo die Blätter dicht wuchsen und er ungestört schlafen konnte. Aber noch war er nicht müde.

„Jetzt kommt die Arbeit!“ sagte er stolz. „Stell dir vor, hier in Freiheit kann ich mich auf den Großen Schlaf vorbereiten! Das habe ich auch dir zu verdanken!“
Meta lächelte. „Ach was“, sagte sie, „zeig mir lieber, was du kannst!“
Das ließ Saturno sich nicht zweimal sagen. Er begann, einen langen Faden zu spinnen, den er von Blatt zu Blatt zog und so ein weitmaschiges Netz um sich herum spannte. Er tat das sehr sorgfältig, und die Arbeit machte ihm Spaß, das konnte man sehen. Seine Seide war hellgrau und glänzend, und das Netz, das er spann, wurde ein richtiges Kunstwerk.

Als er inmitten dem Gewirr aus glänzenden Seidenfäden kaum noch zu sehen war, begriff Meta, dass sie jetzt Abschied nehmen musste.
„Achthundertundsechs!“ ertönte es plötzlich aus dem frisch gesponnenen Kokon.
Meta schreckte auf. „Waaas?“
„Na, der Faden! Er ist achthundertundsechs Meter lang!“
„Ach so“, Meta schluckte, „schlaf gut, Saturno!“
„Bis bald, Meta!“ Saturnos Stimme klang jetzt müde.
„Bis bald?“ fragte sie überrascht, „wann denn?“
„In der blauen Stunde!“ flüsterte er schwach.
„Blaue Stunde?“ fragte Meta verwirrt, „aber welche?“
Saturno antwortete nicht mehr. Die Blätter mit dem Gespinst aus seiner feinen Seide, in dem er sich eben noch hin und her bewegt hatte, hingen still. Noch nie hatte sich Meta so allein gefühlt. Sie weinte. Sie weinte, weil das Leben gleichzeitig so schön und so traurig sein konnte. Gedankenverloren begann sie ein Eichenblatt nach dem anderen zu essen. Es tröstete sie, etwas tun zu können, das sie die ganze Zeit mit Saturno gemeinsam getan hatte.

Als die blaue Stunde anbrach, machte Saturno keinerlei Anstalten, aus seinem Tiefschlaf aufzuwachen. Diese blaue Stunde hatte er jedenfalls nicht gemeint. Aber welche dann?
Meta beschloss, in dieser ersten Nacht über seinen Schlaf zu wachen. Vielleicht spürte er, dass sie noch bei ihm war.

Früh am Morgen des nächsten Tages brach Meta traurig auf. Sie sah noch einmal zurück auf Saturnos Kokon. Die Blätter, in die er sich eingesponnen hatte, schützten ihn vor dem suchenden Blick hungriger Vögel. Wer nicht wusste, dass er dort drin war, würde ihn auch nicht finden. Meta konnte nichts mehr für ihn tun.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008