4. Die Puppe
oder
Wie man vor Lachen platzt

 

 

Zilli, Fobia und Pomaranza empfingen Meta aufgeregt und überschütteten sie mit Vorwürfen:
„Wo warst du denn so lange?“ - „Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“ - „Ef war fo frecklich langweilig ohne dich!“ - „Einfach mit diesem Fremden wegzugehen!“ - „Und tagelang fortzubleiben!“ - „Wie konnteft du nur!“ riefen sie durcheinander.

„Schert euch doch zum Vogel!“ begrüßte Meta sie mürrisch. Die drei fuhren vor Schreck in die Höhe und starrten sie fassungslos an. Meta kroch geradewegs an ihnen vorbei. Sie wollte höher in die Linde hinauf. Es ließ sich anscheinend nicht vermeiden, dass die drei ihr folgten: Wie eine Raupenkette krochen sie hinterdrein.
„Der Giftspritzer hat dich gegen uns aufgehetzt!“ keifte Zilli, als sie Meta einholte, „so kannst du nicht mit uns reden! Du spinnst wohl!“
„O ja“, erwiderte Meta, „eine gute Idee! Ich fange sofort damit an!“ Sie spann einen langen Faden, wickelte ihn erst mehrmals um den Blattstiel, dann um ihr dickes Hinterteil und hängte sich kopfüber daran auf. So hing sie mit dem Kopf nach unten und sah alles verkehrt herum.

„Jetzt ist sie völlig übergeschnappt!“ rief Zilli, und Fobia schnatterte:
„Er hat sie verhext! Dieser Giftmischer hat sie verhext!“
„Gehp’f dir noch gut?“ fragte Pomaranza zweifelnd. Es war ihr unverständlich, wie man eine derart ungemütliche Haltung einnehmen konnte.
„Danke, mir ging es nie besser!“ behauptete Meta und fing an zu lachen.
„Was lachst du denn so?“ Zilli zuckte irritiert mit dem Schwanz.
„Ihr seht so komisch aus!“ kicherte Meta von oben.
„Jetzt macht sie sich auch noch lustig über uns!“ Zilli bebte vor Empörung.
„Aber ihr seht zu ulkig aus, so auf dem Kopf!“ gluckste Meta, „ihr solltet euch mal sehen, wie ihr da am Blatt klebt! Passt auf, dass ihr nicht runterfallt!“
„Pass du lieber auf! Ich kann gar nicht hinsehen!“ stöhnte Fobia und drehte sich um.
„Ich lach’ mir einen Ast!“ gickelte Meta und hielt sich den Bauch.
„Du bist total verrückt!“ sagte Zilli ärgerlich, „jetzt lass die Sperenzchen und komm endlich runter!“

Aber Meta musste noch mehr lachen und konnte gar nicht wieder aufhören. Sie schaukelte immer heftiger und sauste über die Köpfe der anderen hinweg. Dabei prustete sie und gluckste und wand und krümmte sich vor Lachen, bis sie meinte, sie müsse platzen.
Und das tat sie auch! Ihr Sommerkleid klaffte weit auseinander!
„O nein, nicht schon wieder!“ rief Meta atemlos und bog sich vor Lachen.

Zilli verschlug es die Sprache, Fobia vergaß, sich zu fürchten, und Pomaranza ließ den Mund offen stehen. Keine Sekunde ließen sie die schaukelnde Meta aus den Augen. Ihre Köpfe gingen hin und her, hin und her. Vor ihren aufgerissenen Augen geschah das Unglaubliche: Meta begann, ihr Kleid auszuziehen! Und diesmal würden sie Zeugen sein! Nun würden sie endlich sehen, woher Meta ihre neuen Kleider bekam!

Kopfüber schaukelnd machte Meta das Umziehen jetzt richtig Spaß. Fröhlich drehte sie sich und versuchte dabei, ihr Kleid loszuwerden. Es ging viel schneller als die ersten Male, und mit einem Schwung fiel ihr Kleid den drei anderen auf die Köpfe, so dass sie nichts mehr sehen konnten. In ihrer Aufregung zogen und zerrten sie alle gleichzeitig daran und veranstalteten ein großes Durcheinander. Als sie sich endlich befreit hatten, war Meta verschwunden. Sie war einfach weg!
„D-d-d-das gibt’s doch gar nicht!“ stotterte Zilli verwirrt und sah sich um, aber weit und breit war keine Meta zu sehen.
„Wo ift fie nur hin?“ fragte Pomaranza verblüfft. Es war ihr vollkommen unbegreiflich, wie jemand so schnell verschwinden konnte.
„Ein Vogel hat sie geholt!“ kreischte Fobia, „ich hab’s ja immer gesagt, dass das kein gutes Ende nehmen wird mit ihrem Leichtsinn!“
„Ach, was!“ schnaubte Zilli, „sie hat sich bestimmt versteckt und will uns zum Narren halten!“ Sie sah wieder nach oben, wo Meta eben noch gehangen hatte. Aber dort hing nur ein Blatt, das sich kaum merklich im Wind bewegte. Zilli betrachtete es grübelnd: Es war ein ganz gewöhnliches Blatt, ein wenig eingerollt vielleicht, aber schließlich hatte jedes Blatt seine Eigenheiten. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass dieses Blatt eben noch nicht dort gehangen hatte. Aber hier war ja alles voll mit Blättern, da konnte es schon vorkommen, dass man das eine oder andere übersah.
„Hallo, seid ihr noch da?“ Die dumpfe Stimme war direkt über ihnen. Alle drei sahen hoch. Die Stimme kam aus dem Blatt!
„Ein fprechendef Blatt!“ staunte Pomaranza und fragte sich insgeheim, ob es wohl essbar wäre.
„Ach, da bist du!“ rief Zilli ärgerlich, „komm raus! So eine Frechheit, sich einfach in ein Blatt einzurollen!“
„Ich kann nicht, ich bin das Blatt!“ antwortete Meta.
„Seht doch, das ist gar kein echtes Blatt, das ist eine Attrappe!“ rief Fobia.
„Richtig“, hörten sie Metas Stimme sagen, „es ist nur eine Puppe, eine Blattpuppe, sozusagen.“
„Was ist das jetzt wieder für ein eigenartiges Kostüm?“ fragte Zilli missbilligend, „trägt man das etwa diesen Sommer?“ Sie hielt diese Mode, falls es eine war, für nicht besonders kleidsam.
„Ein Koftüm!“ johlte Pomaranza, „Meta will pfum Karneval!“ Sie fand Metas Verkleidung sehr originell. Sie sah aus wie jedes andere Blatt auch.
„Nein, zum Puppentheater“, antwortete Meta grimmig und verdrehte die Augen (was die andern nicht sehen konnten), „ihr glaubt wohl, ich mache das für euch zum Spaß, was?“
„Ach, ein Puppenfpiel!“ rief Pomaranza begeistert, „fang an!“
„Hör mal, Pomaranza, das hier ist kein Puppenspiel, das ist harte Arbeit. Und ich werde so lange hier drin bleiben, bis ich fertig bin.“
„Fertig womit?“ fragte Fobia in ängstlicher Erwartung, dass irgendetwas Furchtbares geschehen würde.
„Mit der Verwandlung“, tönte es dumpf aus dem Innern der Puppe, „womit denn sonst? Ich werde jetzt schlafen und mich dabei verwandeln. Großer Schlaf nennt man das!“
„Aha, ein Pfauberkunftftück“, freute sich Pomaranza, die das Ganze noch immer für einen Scherz hielt.
„Fauler Zauber, meinst du wohl“, sagte Zilli zu Pomaranza, „diese Flausen hat ihr der Fremde in den Kopf gesetzt!“ Dann wandte sie sich wieder dem Blatt zu und rief: „Hör auf mit dem Mummenschanz und nimm Vernunft an! Deine Aufmachung ist einfach albern. Das schickt sich nicht für eine Raupe! So kann man doch nicht herumkriechen!“
„Vielleicht bin ich gar keine Raupe, wenn ich nicht wie eine aussehe“, kicherte Meta, „und ich habe im Moment auch nicht vor, herumzukriechen!“
Fobia fürchtete insgeheim, Meta könnte sich vielleicht in ein Samsa verwandeln, ein grauenhaftes, vielfüßiges Viech, von dem sie mal gehört hatte. Doch sie wollte so etwas keinesfalls herbeireden, deshalb fragte sie besorgt:
„Siehst du überhaupt etwas in dem Ding?“
„Wie sollte ich?“ gab Meta zurück, „hier drin ist es ganz dunkel.“ Sie gähnte laut und meinte zufrieden: „Das ist äußerst angenehm! Ich bin nämlich todmüde und muss unbedingt schlafen!“
„Und was ist, wenn ein Vogel kommt?“ Fobia wurde bleich bei dem Gedanken, „du kannst dich doch gar nicht verstecken!“
„Ich bin schon versteckt! Oder glaubst du etwa, die Vögel fressen ein Blatt?“
Verblüfft glotzte Fobia nach oben. „Aber..., aber...“, stotterte sie, „aber wenn ein Sturm kommt!“
„Also, jetzt hör mal gut zu!“ Meta wurde langsam ungeduldig, „ich hänge hier oben ganz ausgezeichnet, sonst wäre ich schon längst wieder draußen, das kannst du mir glauben! Und jetzt lasst mich allesamt bitte endlich schlafen! Gute Nacht!“
„Halt“, rief Pomaranza und schluckte, „warte noch! Haft du auch Proviant da drin?“
„Nein!“
„Waf willft du denn dann effen?“
„Nichts“, kam die Antwort aus der Puppe.
„Nichpf?“ fragte Pomaranza entsetzt, „die gampfe Pfeit gar nichpf? Und du weifft nicht einmal, wie lange nichpf?“ Sie konnte sich nicht vorstellen, wie man überhaupt nichts essen konnte.
„Nein“, antwortete Meta und gähnte wieder, „mir reicht’s. Ich werde in meinem ganzen Leben bestimmt nie wieder ein Blatt vor den Mund nehmen!“
„Und die ganze Arbeit, die bleibt jetzt wohl an uns hängen, was?“ zeterte Zilli.
Aber Meta antwortete nicht mehr darauf. Stattdessen war ein lautes Schnarchen zu vernehmen, das ihnen verkünden sollte, dass sie eingeschlafen war.

„Großer Schlaf“, sagte Zilli missbilligend, als sie mit den beiden anderen davonkroch, „dass ich nicht lache! Große Faulheit, würde ich sagen! Wozu soll das schon wieder gut sein? Ich habe absolut keine Zeit für solche Scherze. Da hängt sie jetzt und ruht sich einfach aus, während unsereins sich hier abhetzen kann!“
„Also für mich ist das auch nichts“, wisperte Fobia, „ich würde in diesem Ding glatt sterben vor Angst! Und wer weiß, was passiert? Ob sie je wieder da rauskommt? Ich mag gar nicht daran denken!“
„Ach“, seufzte Pomaranza, „nur flafen! Daf wär doch fön! Aber -“, sie schüttelte bedächtig den Kopf, „ohne waf pfu effen!“

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008