5. Der Große Schlaf
oder
Die Reise nach Innen

 

 

Meta schlief noch nicht, und die letzten Worte der drei hatte sie ebenfalls noch deutlich vernommen. Sie hatte absichtlich geschnarcht, damit die anderen sie endlich in Frieden ließen, weil sie bei dem ewigen Gefasel keinen klaren Gedanken fassen konnte. Als Pomaranza vom Essen gesprochen hatte, war ihr das Rätsel wieder in den Sinn gekommen, in dem auch von Hunger die Rede gewesen war, und sie wollte es unbedingt noch lösen. Es fiel ihr nicht mehr allzu schwer, sich an die Worte zu erinnern, denn die erste Strophe war eine gute Übung gewesen. Nach einigem Nachdenken hatte sie die zweite und sogar die dritte Strophe zusammen.

Meta überlegte: Des Morgens neues Leben war eine etwas seltsame Umschreibung für eine Raupe, aber wer sollte SIE sonst sein, die aus dem Ei kam und hungrig und voll Neugier alles verschlang? Samt dem Ei natürlich! Und von einem andern Leben hatte sie auch geträumt... Ach, das Fliegen! Sie seufzte. Das musste sie sich im Moment wohl aus dem Kopf schlagen. In der Puppe war nicht einmal Platz für die allerkleinste Gymnastik! Aber wenigstens konnte sie die Zeit mit Rätsellösen verbringen.
Meta zählte nach, wie oft sie ihre Gestalt gewechselt hatte: Erst das Frühlingskleid mit den schwarzen Punkten und Püschelchen, dann ihr Sommerkleid mit den schlankmachenden Längsstreifen und jetzt diese Puppe, von der sie gar nicht wusste, wie sie von außen aussah... Warum war das alles passiert?

Die neuen Kleider hatte sie gebraucht, weil sie, ohne es zu merken, gewachsen war. Aber die Puppe hier, war sie auch wirklich für den Großen Schlaf? Woher wollte sie das wissen? Saturno hatte kein Wort davon gesagt, dass man den Großen Schlaf auch in etwas anderem als einem Kokon halten konnte. Meta erschrak. Vielleicht hielten nur Seidenraupen so einen Schlaf! Doch dann beruhigte sie sich wieder: Valentino hätte das bestimmt gewusst. Er hatte gesagt, dass Raupen - und damit meinte er doch wohl alle Raupen und nicht nur Seidenraupen - Verwandlungskünstler seien. Trotzdem, Zilli, Fobia und Pomaranza schienen keinen Großen Schlaf halten zu wollen. Vielleicht doch nicht alle Raupen? Ach je, war das schwierig! Meta merkte, dass sie diese Fragen nicht beantworten konnte. Das Nachdenken darüber war ihr unheimlich. Und Angst zu haben war jetzt nicht das Richtige. Sie war nun mal in dieser Puppe, und es hatte wenig Sinn, sich dagegen zu wehren, denn es gab kein Zurück.

Um diese Gedanken zu verscheuchen, wandte Meta sich wieder dem Gedicht zu.
„Also das erste war das Ei“, wiederholte sie, „das zweite die Raupe, und das dritte,... ja, das dritte...“ Sie fragte sich gerade, was wohl die Vollendung sein könnte, als ihr mit einem Mal der Gedanke daran ganz unwichtig wurde.

Sie horchte auf die Geräusche von draußen: Die Vögel sangen, aber ihre Stimmen waren undeutlich und verfremdet. Blätterrascheln und Bienengesumm... Alles klang so weit weg, als ginge es sie gar nichts mehr an. Meta merkte, dass die Welt, in der sie bis jetzt gelebt hatte, ihre Bedeutung verlor. Hier im Dunkeln war es gleichgültig, ob jetzt Tag oder Nacht war. In der Puppe gab es keine Zeit. Es gab gar nichts von der Welt draußen, kein Sonnenlicht, keinen Wind...

Auf einmal hatte Meta nicht mehr das Gefühl, dass irgendetwas anders sein müsste. Sie wurde still. Waren ihre Gedanken vorher noch wie Regentropfen auf sie eingeprasselt, so ähnelten sie nun eher dem Tau, der morgens so ruhig auf den Blättern lag, dass man sich darin spiegeln konnte.
Es gab jetzt nur noch Meta selbst: Ihre Wärme, ihren leisen, flachen Atem... Sie hörte ein leises Rauschen, das gleichmäßig anstieg und wieder abnahm. Dabei schien es langsam, aber beständig lauter zu werden. Es steigerte sich in ein wallendes Pochen, in dem Meta meinte, zwei Silben zu vernehmen, zuerst: „Le-be... le-be...“, aber dann hörte es sich an wie: „Schla-fe..., schla-fe...“

Das Pochen schwoll an. Sie hörte es nicht nur, sie fühlte es auch, in ihrem ganzen Körper fühlte sie es, und schließlich sah sie es: Ein ungeheures Pulsieren von Farben vor ihren Augen. Ein Strom, der gleichmäßig wogte, emporstieg zu einer Fontäne, die sich in tausend regenbogenfarbenen Sternen über sie ergoss und zu einem gleißenden Licht verschmolz. Dann sah sie nichts mehr. Sie hörte nichts mehr und sie dachte nichts mehr.

Am nächsten Morgen krochen Zilli, Fobia und Pomaranza als erstes zu der Puppe, um zu sehen, was sich getan hätte. Die Puppe hing immer noch am seidenen Faden und schaukelte leicht im Wind.
„Bist du immer noch da drin!“ sagte Zilli ärgerlich und stieß gegen die hart gewordene Puppenhülle, „komm raus!“
Pomaranza biss in ihr Frühstücksblatt und klagte: „Wann ift daf Fpiel endlich pfu Ende, ef ift langweilig!“
Fobia umklammerte den Stiel des Blattes und flüsterte: „Meta, du machst mir langsam Angst! Sag doch was!“
Aber Meta antwortete nicht mehr.
„Ach“, sagte Zilli beleidigt, „jetzt redet sie wohl nicht mehr mit uns!“
Fobia wurde blassgrün. „Sie ist tot! Sie ist bestimmt tot!“ schrie sie.
Das verschlug sogar Zilli die Sprache. Nur Pomaranza kapierte mal wieder nicht.
„Hat fie nicht gefagt, fie wäre todmüde?“ fragte sie kauend.
„Halt’s Maul, du Trottel!“ fuhr Zilli sie an und vergaß ihre Manieren, so dass Pomaranza der Bissen im Hals stecken blieb.

Die drei Raupen schwiegen und rührten sich nicht. Keine von ihnen hatte jemals im Ernst gedacht, dass Meta etwas passieren könnte. Sie war immer so fröhlich und unbekümmert gewesen und so zuversichtlich, dass sie ihre Schnapsidee vom Fliegen in die Tat umsetzen könnte. Was hatte sie nicht alles für verrückte und gefährliche Sachen angestellt! Und nie war ihr etwas Ernsthaftes passiert, egal, was sie ihr prophezeit hatten. Aber jetzt hatte Meta wirklich übertrieben! Allein in dieser engen Puppe, im Dunkeln und ohne Essen! Gestern noch hatten Zilli, Fobia und Pomaranza im Grunde nur um sich selber Angst gehabt. Alle ihre Schreckensvorstellungen waren das gewesen, wovor sie Angst hätten, wenn sie in der Puppe wären. Nun aber lastete der Gedanke, dass Meta tatsächlich etwas zugestoßen war, so schwer auf ihnen, dass sie nicht zu atmen wagten. Es war so still, als wären mit Meta alle Geräusche der Welt gestorben.

Doch mitten in dieser ungeheuren Stille konnten sie plötzlich das Pochen in der Puppe vernehmen: leise und gleichmäßig. Zunächst konnte sich keine von den dreien dieses Geräusch erklären, bis Pomaranza erleichtert meinte, Meta schnarche eben etwas seltsam, aber das wäre ein sicheres Anzeichen dafür, dass sie nicht gestorben war. Wenn Tote vielleicht auch fest schliefen, schnarchen täten sie dabei bestimmt nicht.

Von nun an sahen die drei jeden Tag nach der Puppe und horchten auf das Schnarchen. Es war für eine ganze Weile das einzige, was sie von Meta hören sollten. Doch die Erleichterung, dass sie noch lebte, wich ziemlich bald einer wachsenden Ungeduld. Wochen vergingen, ohne dass irgendetwas geschah.

„Die pennt ja bif in die Puppen!“ beklagte sich Pomaranza, die sich schrecklich langweilte.
„Dummkopf! Deswegen heißt das ja so!“ sagte Zilli gereizt. „Diese Warterei macht mich ganz kribbelig!“ stöhnte sie, während sie unruhig auf und ab kroch, als ob sie eingesperrt wäre, „ich verstehe nicht, wie Meta es so lange in diesem engen Ding da aushalten kann! Platzangst würde ich kriegen, jawohl!“
Fobia, die blass und schweigend dagesessen hatte, klammerte sich noch fester an das Blatt und hauchte bloß: „Um Himmels Willen!“
Sie wussten nichts mit sich anzufangen, also blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten.

 

 

Wie gemein! Auch mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten, und zwar auf den nächsten Abend, denn gerade jetzt brach der Tag an und der Wurm ab. Doch inzwischen hatte ich mich an diesen seltsamen Rhythmus gewöhnt, und in gewisser Weise ahnte ich schon, was kommen würde...

Weiter zur fünften Vigilie...

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008