1. Felicitas Farfalla
oder
Die Königin der Luft

 

 

Als die große Linde ihre Blüten verloren hatte und der Wind die Samenkapseln an ihren Fahnen quirlend davontrug, erwachte Meta eines Morgens ganz in der Frühe. Kein Geräusch war zu hören. Meta dachte nur eins: Sie musste raus aus der Puppe! Es war eng, feucht und stickig hier drin geworden. Und die Dunkelheit konnte sie auch nicht länger ertragen. Sie sehnte sich nach Licht und Luft.

Als sie sich bewegte, knackste die Puppenhülle und bekam einen Riss. Meta blinzelte hindurch. Die ersten Strahlen der Morgensonne stachen ihr in die Augen.
„Sonne!“ flüsterte sie, „endlich wieder Sonne!“

Die Puppenwand gab kaum nach, und Meta trat mit Leibeskräften dagegen, um den Riss zu vergrößern. Es kam ihr so vor, als hätte sie Ähnliches schon einmal erlebt... Mühsam zwängte sie sich durch den Spalt. Als sie sich endlich nach draußen gekämpft hatte, blieb sie zitternd auf der Puppenhülle sitzen. Sie war schwach von der Anstrengung und ihr Atem ging schnell.

Meta spürte, wie die warme Sommerluft über ihren feuchten Körper strich und sie allmählich trocknete. Mit jedem Atemzug fühlte sie, wie neue Kraft in sie strömte und jede ihrer Adern sich mit Leben füllte, bis sie sich schließlich aufrichtete und streckte und ganz entfaltete.

Tief sog Meta die Morgenluft ein und schaute sich um. Es gab an diesem Ast keine Blätter mehr. Zilli, Fobia und Pomaranza hatten ganze Arbeit geleistet. Alle waren abgefressen, bis auf ein einziges, und zwar das, an dessen Stiel sie die Puppe befestigt hatte. Meta wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, aber es musste sehr lange gewesen sein, wenn die drei anderen inzwischen soviel kahlgefressen hatten! Vorsichtig kletterte sie auf das übrig gebliebene Blatt. Ihre langen Beine zitterten noch. Drei Paar hatte sie davon. Dumpf dämmerte ihr, dass sie einmal mehr gehabt hatte, aber sie konnte sich an das Gefühl nicht mehr erinnern. Ihr Blick fiel auf einen Tautropfen, in dem sich jemand spiegelte.
„Oh! Ein Schmetterling!“ rief sie entzückt und drehte sich nach ihm um - aber hinter ihr war niemand.

Da begriff sie, dass sie selbst es war, die sich spiegelte. Sie war der Schmetterling! Aufgeregt drehte sie sich nach allen Seiten, aber der Tautropfen war zu klein, sie konnte immer nur einen Teil von sich sehen.
„Ts, ts, ts, du musst dich im See anschauen!“ rief ihr eine blaue Libelle zu, die mitten im Flug einfach in der Luft stehen geblieben war und Metas Bemühungen amüsiert beobachtet hatte. Aber bevor Meta sie fragen konnte, wie sie zum See käme, war die Libelle schon weitergeflogen und Meta hörte nur noch ihr leises Knattern, das sich entfernte.
„Na warte!“ dachte Meta. Das war das letzte Mal gewesen, dass eine Libelle sie so einfach sitzen gelassen hatte. Jetzt würde sie ihr nicht mehr nur wie festgeklebt vom Blatt aus hinterher starren müssen! Meta streckte sich. Sie hatte es geschafft, es war so weit! Sie breitete ihre Flügel aus und sah vom Blatt hinunter. Nein, da wollte sie nicht hin, nicht nach unten, nicht zum Salat! Sie hob den Kopf. Ihr war, als könnte sie viel weiter sehen als früher. Sie starrte in die Ferne und hatte die Libelle schon wieder vergessen. Ganz gleich, was dort war, nur weit weg sollte es sein. Dort wollte sie hin. Über alles hinweg. Die Linde einfach loslassen, zurücklassen...
Sie flog bereits, als sie dies dachte.

Sie segelte der Morgensonne entgegen und ließ blasse Kohlköpfe und welken Salat weit hinter sich. Fliegen, das war nicht bloß eine andere Art der Fortbewegung, das war ein Eintauchen in eine andere Welt. Das erste Mal, als Meta die Linde so weit verlassen hatte, zusammen mit Saturno, war es ein mühsamer, langer Weg gewesen. Der ganze Weg hatte ihr an den Füßen geklebt, wie ein Band, an dem sie zurückkommen musste. Sie hatte ihre Spur auf der Erde gelassen. Jetzt gab es keine Spur. Auch keinen Faden, der sie hielt. Nichts mehr außer der Erinnerung verband sie mit der Linde. Und zum Erinnern hatte sie im Augenblick keine Zeit, denn ihre Aufmerksamkeit wurde gerade von etwas Gelbem völlig in Anspruch genommen. Noch nie hatte Meta solch ein Gelb gesehen: Ein Feld voller hochgewachsener Sonnenblumen, die ihre schweren Köpfe der Sonne zuwandten. Jede einzelne von ihnen war so groß, dass ein halbes Dutzend Schmetterlinge darauf Platz gehabt hätte.

Meta fand auf ihrem Flug Blüten über Blüten. Die meisten wuchsen in den Gärten der Menschen, hinter großen weißen Klötzen, aus denen sie ein- und ausgingen. Die Menschen waren ihr weiterhin unheimlich, aber sie fürchtete sich nicht mehr allzu sehr, da sie ihnen nun wegfliegen konnte, wenn sie ihr zu nahe kamen.
„Die müssen schon ein Flugzeug nehmen, wenn sie mich erwischen wollen!“ dachte sie sorglos, während sie unentschlossen über einigen schmalen lila Blüten tänzelte. Sie schienen ihr ein wenig unsicher für eine Landung. Sie überlegte, ob sie nicht doch den Rosen den Vorzug geben sollte, doch mit Rot war sie vorsichtig geworden, nachdem sie sich aus Versehen auf einer Paprika niedergelassen und vergeblich die Öffnung gesucht hatte.
„Die stinkt sowieso“, hatte Meta gedacht und war gleich weiter zu den Tomaten geflogen, mit denen es aber eine ganz ähnliche Bewandtnis hatte. Eine andere rote Blüte war sogar selbst aufgeflattert, als Meta sich ihr näherte, und erwies sich als ein Stück Papierfolie, das der Wind vor sich her trieb. Von diesen seltsamen Blüten, die nur mit ihrer Farbe zu locken versuchten, ohne auch nur im Geringsten etwas Nahrhaftes anzubieten, fühlte Meta sich regelrecht verschaukelt. Ganz zu schweigen von jenem rotglänzenden Ding, das sich bei näherem Hinsehen als eine Art Dose herausstellte. Meta erkannte einen halbmond- und einen vollmondförmigen Buchstaben darauf und erinnerte sich unangenehm an die seltsame Schädlingsvernichtungsmitteltonne. Daher hatte sie lieber verzichtet, die süßlich riechende, klebrige, braune Flüssigkeit, die heraustropfte, zu probieren. Doch die Rosenblüten hier waren echt. Erleichtert nahm sie darauf Anflug, doch sie verfehlte die Blüte und flog drei Mal knapp vorbei, bevor sie kopfüber in den Kelch purzelte.

Die Sonne stand jetzt hoch, und Meta folgte ihr weiter zum See. Sie sah in das klare Wasser und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie erinnerte sich, dass der große Mensch damals von Schmetterlingen gesprochen hatte, als das Flugzeug vorübergeflogen war - und sie hatte geglaubt, das hätte nichts mit ihr zu tun! Meta kicherte. In ihr sprudelte die Freude über, aber sie war nicht zum Dichten berufen, um sie in Worte zu kleiden.
Schmetterling...“, seufzte sie bloß immer wieder, „ich bin ein Schmetterling!“

Sie flatterte auf. Nur im Flug, im Tanz im Wind und in der Stille, konnte sie ihrer Freude Ausdruck verleihen. Übermütig versuchte sie, Kapriolen zu fliegen, ließ es jedoch bleiben, als ihr ein Vogel so gefährlich nahe kam, dass sie sich gerade noch rechtzeitig unter eine Blüte retten konnte.

Nach diesem unerfreulichen Erlebnis zog sie es vor, sich für alle Fälle noch ein wenig in Sturz- und Tiefflügen zu üben. Dabei entdeckte sie Valentino, der sich aus der Erde buddelte, um ein wenig frische Luft zu schnappen.
„Valentino!“ rief Meta erfreut und ließ sich gleich neben ihm auf der Erde nieder.
„Hallo, Meta!“ Valentino hatte sie an der Stimme erkannt. „Du bringst Wind mit dir und so ein Rauschen. Du hast doch nicht etwa fliegen gelernt?“
„Doch“, lachte Meta, „stell dir vor, ich habe Flügel! Herrliche, prächtige, wundervolle Flügel!“ Sie tanzte graziös um den verdutzten Valentino herum. „Ich bin jetzt ein Schmetterling!“ rief sie und kitzelte ihn mit den Flügelspitzen.
Jetzt war Valentino aber ehrlich verblüfft.
„Was bist du?“ fragte er entgeistert, „ein Schmetterling? Du willst mich wohl verulken!“ Gekränkt fügte er hinzu: „Hör mal, nur weil ich blind bin, brauchst du noch lange nicht zu denken, du könntest mir jeden Quatsch erzählen!“
„Das ist kein Quatsch“, erwiderte Meta. Sie ließ Valentino ihre Flügel befühlen, die Beine, die Fühler und auch den Saugrüssel, bis er sich endlich überzeugt hatte.
„Eigenartig, höchst bemerkenswert!“ staunte er, „und ich dachte immer, Schmetterlinge wären ganz andere Tiere...“
Dann rief er begeistert aus: „Hab’ ich’s nicht gesagt? Hab’ ich’s gesagt oder nicht? Meta Morfosa, die Verwandlung! Wahnsinn! Ich wünschte, ich könnte ein Buch darüber schreiben! Leider habe ich Schreiben nie gelernt, weil keiner von diesen Logophilistern die Rechtschreibregeln vernünftig erklären kann. - Aber erzähl doch! Wie hast du das bloß gemacht?“
„Das bleibt wohl trotzdem für immer ein Geheimnis, Valentino“, sagte Meta bedauernd. Valentino machte ein furchtbar enttäuschtes Gesicht.
„Was denn“, rief er entrüstet, „du willst es mir nicht sagen? Ich dachte, wir wären Freunde!“
„Das sind wir doch auch!“ beschwichtigte Meta ihn, „und ich würde es dir auch schrecklich gern erzählen, wenn ich könnte, aber ich kann nicht!“
„Und wieso nicht?“ schmollte er.

Meta beschrieb ihm, so ausführlich sie konnte, wie sie sich verpuppt und den Großen Schlaf in der Puppe gehalten hatte und erst an diesem Morgen ausgeschlüpft war.
„Ich bin als Raupe eingeschlafen und als Schmetterling wieder aufgewacht. Von der Verwandlung habe ich gar nichts gemerkt.“
„Tja“, meinte Valentino schwanzzuckend, „wie hat doch schon der Philosoph Wilhelm Tintengeist so überaus treffend bemerkt: Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen!“

Meta schwieg lieber auch, denn sie konnte Valentino mal wieder nicht ganz folgen. Und wer dieser Wilhelm Tintengeist war, interessierte sie nicht die Bohne.
Valentino seufzte. Zumindest hatte er jetzt erfahren, dass man den Großen Schlaf auf unterschiedliche Weise halten konnte: In einem Kokon und in einer Puppe.
„Was macht denn Saturno?“ fragte er besorgt, „hat er sich in einem Kokon eingesponnen?“
„Ja, das hat er“, sagte Meta leise, „und ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen...“
Valentino merkte, dass Meta traurig geworden war und wollte sie gern etwas trösten.
„Weißt du was?“ sagte er aufmunternd, „du brauchst jetzt einen neuen Namen, einen, der so schön klingt wie dein Flügelschlag. Du solltest dich Felicitas, die Glückliche, nennen, Felicitas Farfalla, der glückliche Schmetterling!“
„Was für ein schöner Name! Ist das Latein oder Griechisch?“
„Italienisch“, Valentino grinste, „ich schenk’ ihn dir!“
„Danke“, sagte Felicitas gerührt.
„Ciao, bella!“ rief Valentino ihr nach, als sie davonflog.

„Felicitas Farfalla“, dachte sie froh und bemerkte erfreut, wie im Auffliegen ihr Schatten eine andere Richtung nahm, „die Königin der Luft!“
Das heißt, wenn sie es recht überlegte, war sie gar keine richtige Königin. Königinnen herrschten immer über ein ganzes Volk, wie die Bienen zum Beispiel. Felicitas hatte kein Volk, das sie regieren konnte, sie hatte nur sich selbst. Ja, nicht einmal über ihren Schatten konnte sie gebieten, bei dem Eigenleben, das der führte! Aber so war sie die Herrscherin über ihr eigenes Leben, nicht mehr und nicht weniger - und das war genau richtig, fand sie. Sie fühlte sich stark und frei.

Währenddessen waren Zilli, Fobia und Pomaranza in großer Aufregung. Keine von ihnen konnte sich Metas Verschwinden erklären. Sie hätten sie doch sehen müssen, wenn sie an ihnen vorbei gekrochen wäre! Nachdem rings um die Puppe herum alles abgearbeitet war, waren sie wie immer zu dem kahlen Zweig zurückgekommen, um von dem letzten Blatt aus nach der Puppe zu sehen. Und heute hing sie einfach verlassen da und baumelte vom Blatt herunter. Zilli besah sich die Puppenhülle von Nahem. Die leere Öffnung gähnte sie an und schien sich über sie lustig zu machen. Zilli schnappte empört nach Luft.
„Hat man so was schon gesehen!“ schimpfte sie, „ohne uns ein Wort zu sagen!“ Sie war mehr als ungehalten über Metas Benehmen.
Fobia schwieg totenblass. Sicher war Meta gefressen worden! Die grausigsten Vorstellungen über Metas mögliches Ende marterten ihr armes Hirn und sie fiel in Ohnmacht. Zilli und Pomaranza hatten alle Mühe, sie wieder zu sich zu bringen.
„Du stirbst noch mal vor Angst!“ sagte Zilli ärgerlich, als Fobia erwachte.
„Hach, ich kann doch nichts dafür!“ wisperte sie schwach.
„Und waf machen wir jepft?“ fragte Pomaranza enttäuscht. Sie hatte so lange gewartet, dass Meta aus ihrer Puppe herauskäme, und nun war diese öde Warterei endlich vorüber - aber ach, alles vergeblich! Meta war einfach weg. Auf sie zu warten, das ging ja gerade noch, aber ohne sie zu leben? Wer sollte sie jetzt unterhalten? Sie war immer so lustig gewesen, voller Ideen und Einfälle! Ihre komischen Verkleidungen, ihre ulkigen Flugversuche... Mit ihr war es nie langweilig gewesen! Pomaranza kaute lustlos auf ihrem Blatt herum und seufzte. Sie würde sich nun zu Tode langweilen müssen...
„Jetzt hör schon auf zu seufzen“, sagte Zilli, „Meta wird schon wiederkommen, schließlich wohnt sie ja hier! Aber dann kann sie sich auf etwas gefasst machen, ich habe noch ein Blättchen mit ihr zu rupfen!“

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008