2. Pablo Papilio
oder
Der Herrscher der Nacht

 

 

Der Tag neigte sich dem Ende und Felicitas flog nach Westen, der sinkenden Sonne hinterher. Gleich würde die blaue Stunde anfangen. Die Erinnerung an Saturno füllte sie mit Freude und Schmerz. Sie wusste nicht, ob sie ihn wiedersehen würde.

Felicitas erkannte die Eiche schon von weitem. Sie stand etwas abseits von dem Wäldchen, über dem die Sonne den Himmel schon orange färbte. Aus der Luft konnte Felicitas genau sehen, wo der Blitz den mächtigen Baum entzwei geteilt hatte. Schwarz ragte der verbrannte Stumpf neben dem prächtigen, grünen Stamm ins Leere. Ein einziger Baum, gleichzeitig tot und lebendig. War das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Felicitas wollte nicht traurig sein, bevor sie nicht Saturnos Kokon gefunden hatte. Sie entschied, dass der Baum Hoffnung bedeutete, weil er den Blitzschlag überlebt hatte.

Doch sie hatte sich geirrt. Der Kokon war leer. Der Anblick des zerrissenen Gespinstes aus achthundertundsechs Meter Seidenfaden schlug ein Loch in ihre Gedanken.

Felicitas sah auf das Land hinunter. Die Sonnenblumen, die noch die letzten Strahlen der Abendsonne einfangen wollten, neigten sich bedächtig im Wind. Von weitem war der See zu hören: das Klackern der Steine am Ufer. Die Bäume warfen schon lange Schatten. Das weite Land, das sie den ganzen Tag mit solcher Freude erfüllt hatte, war ihr auf einmal völlig egal. Sie wandte sich um und sah nach Norden:
Hinter silbergrünen Baumreihen zog sich ein aschefarbenes Band von Westen nach Osten, auf dem sich glänzende bunte Punkte wie Käfer hin und her bewegten. Kantige graue Klötze türmten sich dahinter. Aus hohen Säulen stieg Rauch auf. In der Ferne stießen dunkle Berge gegen die Wolken. Die Sonne kam gegen die Berge nicht an und versank, bevor sie sie erreichte. Felicitas erschauerte. Niemals würde sie nach Norden fliegen. Was sie dort sah, verstand sie nicht.

„Flieg nicht nach Norden“, sagte eine leise Stimme neben ihr. Felicitas drehte sich erschrocken um. Ein großer Falter saß hinter ihr und sah sie mit dunklen Augen erwartungsvoll an. Aber diese Stimme kannte sie doch!
„Saturno, bist du das?“ Felicitas konnte es kaum glauben.
„Schätze, schon“, antwortete er und grinste, „aber jetzt heiße ich Pablo, Pablo Papilio, der Herrscher der Nacht! Der einzige seiner Art, der hier herumfliegt, schätze ich. Und wie nennst du dich jetzt?“
„Felicitas Farfalla - gefällt dir das? Valentino hat mir den Namen geschenkt! Er bedeutet glücklicher Schmetterling!“
„Passt genau!“ sagte Pablo mit einem Lachen in seinen Augen, die noch immer genauso traurig waren, „du Königin der Luft!“
„Majestät genügt!“ Felicitas kicherte. Dann betrachtete sie ihren Freund von oben bis unten. Wie schön er war! Er trug einen flauschigen, sandfarbenen Pelz, den seine gelb-roten Flügel wie ein Umhang bedeckten. Auf jedem Flügelpaar bildeten die feinen Staubschuppen zwei kreisrunde, hell und dunkel umrandete Augenflecken. Seine Fühler waren breit gefiedert und zitterten leicht.
„Wie hast du mich erkannt, Pablo?“ fragte Felicitas und sprach seinen neuen Namen aus, um zu fühlen, wie er klang.
„Dein Geruch“, sagte Pablo und tastete mit den Fühlern nach ihr, „du riechst immer noch genauso gut wie früher! Außerdem konntest nur du auf die Idee kommen, dich hier neben meinen Kokon zu setzen und die blaue Stunde abzuwarten, alle andern Tagfalter schlafen nämlich schon!“
„Und wo kommst du jetzt her?“
„Ich habe den ganzen Tag geschlafen, gleich da drüben. Du hast mich nicht bemerkt, als ich aufgewacht bin. Ich fliege nachts.“
„Zu den Sternen!“ rief Felicitas aus, „ach, Pablo, ich freue mich so!“
„Ich mich auch!“ sagte er, setzte sich dicht neben sie und lehnte seinen Kopf an ihren. So saßen sie eine ganze Weile und betrachteten still die Abendfarben.

Plötzlich hob Felicitas den Kopf und rief: „Das Rätsel! Ich hab’s!“
„Welches Rätsel?“ fragte Pablo verwirrt.
„Von dem Dichterling!“ erklärte Felicitas. Sie hatte, als sie ihm damals von dem wunderlichen Schmetterling erzählt hatte, das Rätselgedicht nicht erwähnt, weil sie es selbst noch nicht gelöst hatte. Jetzt trug sie Pablo die ersten drei Strophen vor. Er fand das Rätsel ziemlich schwer, aber als Felicitas ihm sagte, er solle sich doch einfach nur erinnern, hatte er bald die Lösung.
„Also, ES ist das Ei und SIE ist die Raupe, ja?“ meinte er schließlich. Felicitas nickte.
„Und?“ fragte er gespannt, „was kommt dann?“
Felicitas sprach langsam weiter. Ihr kamen die Worte wie von selbst. Sie sah Pablo erwartungsvoll an. „Na, weißt du’s?“
„Also“, sagte Pablo nach einigem Nachdenken, „ER soll die Vollendung sein, die von IHR, also der Raupe, vorbereitet wurde, ja? Na, dann kann das nur der Nachtfalter sein, schätze ich!“
Schmetterling!“ verbesserte Felicitas.
„Nachtfalter!“ wiederholte Pablo, „ich muss es ja schließlich wissen!“
„Willst du mit mir streiten?“ Felicitas erhob drohend ihre Fühler. „Ich will dir was sagen, ob Tagfalter wie ich oder Nachtfalter wie du, Schmetterlinge sind wir beide!“
Das überzeugte Pablo, obwohl er nicht gern Unrecht hatte.
„Also der Schmetterling“, seufzte er. Ihm hatte das Gedicht gefallen, wenn es ihm auch schwer fiel, sich vorzustellen, wie man wie der Dichterling nur in Reimen sprechen konnte. Oft war es schon schwer genug, überhaupt zu sagen, was man dachte oder fühlte.
„Ja, siehst du, das ist das Wunder, von dem der Dichterling immerzu geredet hat“, meinte Felicitas, „die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling!“ Ein leiser Schauer überlief sie. „Ist das nicht unglaublich, dass wir das erlebt haben?“
Pablo lächelte und strich seine Fühler glatt. „Es ist wunderbar“, sagte er. „Was hältst du davon, wenn wir beide jetzt von Baum zu Baum...“
„Die Linde!“ unterbrach ihn Felicitas erschrocken, „ich muss zu meiner Linde zurück! Wie konnte ich das nur vergessen!“
Pablo war erstaunt. „Was willst du denn da?“
„Was ich da will?“ fragte Felicitas entrüstet zurück, „na, hör mal, ich muss doch sehen, was die anderen machen!“
„Was werden die schon machen!“ sagte Pablo verächtlich, „Blätter fressen, wie alle Raupen!“ Es ärgerte ihn, dass Felicitas gerade jetzt an die drei dachte, wo er mit ihr zusammen fliegen wollte.
Felicitas fühlte, wie der Zorn in ihr aufstieg. „Jetzt tu mal nicht so, als ob du nie eine Raupe gewesen wärst!“ empörte sie sich. „Die drei warten schließlich auf mich! Hast du vielleicht auf mich gewartet? Wenn ich nicht zu deiner blöden Eiche hergeflogen wäre, hätten wir uns nie wiedergesehen!“
Jetzt hatte Pablo aber genug! „Das wäre wahrscheinlich besser gewesen!“ gab er zurück.
„Dann hau doch ab!“ fauchte Felicitas.
„Felicitas...“ Pablo wartete noch, ob sie einlenken würde, aber sie schrie ihn an:
„Verschwinde!“
Ein drittes Mal wollte er sich das nicht sagen lassen. Er drehte sich um, ohne Felicitas noch einmal anzusehen und schwang sich vom Blatt.
„Pablo!“ rief Felicitas ihm nach, aber er kehrte nicht mehr um. Sollte sie doch tun, was sie wollte!

Über den Streit war es dunkel geworden. Felicitas bereute, dass sie Pablo weggejagt hatte. Ihr fiel ein, dass er niemanden hatte, der auf ihn wartete, und es tat ihr leid, dass sie so aufbrausend gewesen war. Ach, warum musste er auch so starrköpfig sein! Felicitas fröstelte. Wolken waren aufgezogen und ein kühler Wind ergriff ihre Flügel. Sie war müde. Heute würde sie nicht mehr zur Linde fliegen können. Sie suchte sich einen windgeschützten Schlafplatz in einer Astgabel und klappte ihre Flügel zusammen. Aber ihre Gedanken kreisten um Pablo und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Sie hatte sich so gefreut, ihn wiedergefunden zu haben. Und er, er hatte sich doch auch gefreut! Warum mussten sie sich im Streit trennen? Ausgerechnet heute, in ihrer ersten blauen Stunde nach dem Großen Schlaf! Und sie waren nicht zusammen geflogen!
Felicitas schluchzte, bis sie in einen unruhigen Schlaf fiel.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008