3. Der Abschied
oder
Eine Raupe bleibt eine Raupe!

 

 

Felicitas erwachte im frühen Morgengrauen. Sie hatte schlecht geschlafen und verwünschte den letzten Abend. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber es sah auch nicht danach aus, als würde sie heute überhaupt zum Vorschein kommen. Sie sah in den wolkenverhangenen Himmel. Der Tag versprach keinen Trost, so grau wie er war. Sie wartete, ob Pablo nicht doch noch käme, bevor er sich zum Schlafen niederließ, aber er kam nicht. Sie saß lange, grübelte und wartete. Die Blaue Stunde musste längst vorbei sein, aber es wollte nicht viel heller werden. Sie seufzte und machte sich auf den Flug.

Als der Wind in ihre Flügel griff, fühlte sie sich besser. Er zauste ihr Kleid und blies alle trüben Gedanken aus dem Kopf. Was die anderen wohl taten? Ob sie sie erkennen würden? Felicitas malte sich aus, was sie sagen würden: Fobia würde sich bestimmt erschrecken, Zilli sich aufregen, dass sie schon wieder ein neues Kleid hatte, und Pomaranza würde das Wiedersehen bestimmt als Anlass nehmen, einen kleinen Imbiss zu veranstalten...

Felicitas brauchte nicht lange zu suchen, sie fand die anderen gleich oberhalb der kahlen Äste, wo sie am arbeiten waren wie eh und je. Zilli war vielleicht noch ein wenig magerer geworden, Fobia noch eine Spur bleicher, und Pomaranza sah ziemlich aufgedunsen aus.

„Hilfe! Ein Vogel!“ kreischte Fobia und verschwand zitternd unter das Blatt.
„Ich bin’s doch nur!“ sagte Felicitas und landete elegant über ihr.
„Meta! Ach, du!“ seufzte Fobia erleichtert und erschien wieder auf der Blattfläche. „Wie siehst du denn aus?“
„Musst du uns so erschrecken? Ich kriege noch mal einen Schlaganfall!“ stöhnte Zilli und krümmte sich.
Felicitas machte eine übertriebene Verbeugung und sagte lachend: „Darf ich mich vorstellen, Gnädigste, Felicitas ist mein Name, Felicitas Farfalla! Königin der Luft!“
„Was für ein Name!“ Zilli tippte sich mit der Schwanzspitze an den Kopf, „wie abgeschmackt für eine Raupe!“
Schmetterling!“ verbesserte sie Felicitas unbekümmert, „der Name bedeutet glücklicher Schmetterling!“
„Waf du nicht fagft!“ Pomaranza und vergaß zu schlucken. Diese Verkleidung war mit Abstand die originellste! Und täuschend echt!
„Pah, komischer Flatterling!“ gab Zilli verächtlich zurück, „und überhaupt, wie du aussiehst!“
„Was sagt ihr denn zu meinen Flügeln?“ Felicitas machte einen kleinen flatternden Luftsprung. Fobia schrak zusammen. Gleich darauf lächelte sie verlegen und sagte entschuldigend:
„Du musst verstehen, dass mich das erschreckt!“
„Jetzt sitz doch still!“ fauchte Zilli, „dein Geflatter macht mich ganz nervös!“ Doch dann starrte sie unverwandt auf Felicitas’ Flügel und vergaß völlig, was sie ihr noch alles hatte sagen wollen. Das schillernde Flügelkleid erinnerte sie an ihren längst vergessenen Traum, aber Zilli hätte sich lieber den Schwanz abgebissen, als das zuzugeben.

Pomaranza hatte ihrem Erstaunen genug Ausdruck verliehen und ihre Gedanken kreisten bereits wieder um die nächste Mahlzeit.
„Komm, Meta“, sagte sie, um Gesellschaft zu haben, „iff auch ein paar Blätter!“
„Felicitas“, verbesserte Felicitas, der sich schon bei dem Gedanken an Blätter der Magen umdrehte, „danke, aber ich mag keine Blätter mehr.“
„Blödfinn, ef find deine Lieblingfblätter!“ widersprach Pomaranza, „frife Blattfproffe! Vielleicht nicht mehr gampf fo jung wie damalf, aber...“
„Es waren meine Lieblingsblätter, meinst du wohl“, entgegnete Felicitas, der es ziemlich egal war, wie alt die Blätter sein mochten.
„Jepf’ iff doch, dann wird allef wieder wie früher“, meinte Pomaranza hartnäckig und stieß Felicitas aufmunternd an.
„Vorsicht!“ rief Felicitas erschrocken, „meine Flügel!“
„Oh, Verpfeihung!“ stieß Pomaranza beleidigt hervor, „ich meinte ef ja nur gut!“
„Ja, ja, ich weiß“, seufzte Felicitas beschwichtigend, „aber nicht alles, was du gut meinst, tut auch gut. Und wie früher wird hier gar nichts mehr, was mich angeht. Ich bin keine Raupe mehr.“
„Was soll das heißen?“ mischte Zilli sich jetzt ungehalten ein.
„Ich kann keine Blätter mehr essen, weil ich keine Zähne mehr habe!“
„Waaaf?“ fragte Pomaranza bestürzt, „keine Pfähne? Du mufft doch waf effen!“
„Du wirst verhungern!“ rief Fobia erschrocken.
„Ohne Zähne kannst du ja gar nicht mehr arbeiten!“ warf Zilli ihr vor.
„Ich habe euch doch gesagt, ich bin ein Schmetterling“, erklärte Felicitas, rollte ihren Saugrüssel auf und ließ ihn - schwupps! - wieder einrollen, „ich trinke den süßen Nektar aus Blütenkelchen.“
„Ein Ftrohhalm!“ rief Pomaranza belustigt. Aber dann verstummte sie. „Kelche!“ dachte sie, „und füfer Nektar!“ Sie versank in wehmütige Erinnerung an einen Traum, den sie vor langer Zeit einmal geträumt hatte.

„Das ist ja ein höchst lächerliches Ding!“ höhnte Zilli. Felicitas wollte etwas erwidern, aber Zilli kam jetzt richtig in Fahrt:
„Du bildest dir wohl ein, du wärst was Besseres, wie?“ geiferte sie, „erst erscheinst du in diesem geschmacklosen bunten Fummel, von deinem albernen Namen ganz zu schweigen, und dann sagst du, du trinkst nur noch Nektar aus Kelchen! Du selbsternannte Königin der Luft! Demnächst erzählst du uns wohl noch, du willst nicht mehr hier wohnen, sondern in einem Palast mit bunten Teppichen, was?“ Zilli schnaubte vor Verachtung.
„Da komme ich gerade her“, sagte Felicitas leise, der mit einem Mal aufging, warum Zilli sich so aufregte. Ihr Flügelkleid, die Kelche... Sie sah zu Pomaranza hinüber, die immer noch schweigend dasaß und ohne zu kauen vor sich hin starrte. Dann sah sie Fobia an, die ganz blass geworden war. Auch Fobia erinnerte sich jetzt an ihren Traum, aber sie hätte sich lieber vom Blatt gestürzt, als zuzugeben, dass sie die Erinnerung schmerzte. Fobia schluckte und sagte mit gepresster Stimme:
„Also, wir wohnen hier ganz ausgezeichnet, beste Wohnlage, mitten im Grünen!“
„Wir find pfufrieden mit unferem befeidenem Effen auf wohlfmeckenden Blättern“, beteuerte Pomaranza jetzt, die alle Gedanken an ihren Traum wie welke Blätter weggefegt hatte. Zur Bekräftigung biss sie in ein Blatt, aber sie sah nicht sehr überzeugt dabei aus.
„Jawohl!“ bestätigte Zilli, „und mit unseren Kleidern in schlichtem Grün!“
„Aber...“ Felicitas wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Die Worte der anderen schwappten wie eine Welle über ihr zusammen, die ihre ganze Freude ertränkte.
„Könnt ihr mir mal sagen, was mit euch los ist?“ fuhr Felicitas sie ärgerlich an, „wenn ihr so schrecklich zufrieden seid, wie ihr sagt, könnt ihr euch ja wohl auch mit mir freuen!“
Wir?“ kreischte Zilli, „was mit uns los ist? Du bist so komisch!“
„Wir haben unf nicht verändert“, mampfte Pomaranza, „wir waren fon immer fo!“
„Da hast du Recht!“ erwiderte Felicitas, „ihr wart schon immer so!“
„An allem ist nur dieser Giftwurm schuld!“ zeterte Zilli, „aber du warst ja von Anfang an so unräupisch! Eine Gauklerin bist du geworden, eine Herumtreiberin! Du passt nicht mehr zu uns! Du leugnest deine Herkunft! Es wird nicht lange dauern, da wirst du auch uns nicht mehr kennen!“
„Allerdings, wenn ihr weiter so einen Schwachsinn redet!“ Felicitas verlor jetzt die Geduld.
„Ach, Schwachsinn nennst du das, wenn wir dich daran erinnern, was sich für eine Raupe gehört, ja?“ Zillis Stimme überschlug sich fast vor Empörung.
„Aber ich bin keine Raupe mehr, ich bin ein Schmetterling!“ wiederholte Felicitas gereizt und wandte sich um. Sie hatte keine Lust, sich dieses Theater noch länger bieten zu lassen, aber Zilli hielt sie zurück.
„Papperlapapp, so ein Quatsch! Eine Raupe bleibt eine Raupe! Sieh uns an! Wenn aus Raupen Schmetterlinge würden, wieso sind wir dann keine, bitteschön?“ fragte sie hämisch.
„Das ist die falsche Frage“, gab Felicitas schlagfertig zurück, „vielleicht fragt ihr euch mal lieber, was ihr aus euren Träumen gemacht habt!“
Sie drehte sich um, damit die anderen nicht sahen, wie elend ihr zumute war, klappte zweimal die Flügel zusammen und ließ sich mit dem nächsten Wind vom Blatt gleiten.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008