4. Die schwarzen Vögel
oder
Wer die Verwandlungen scheut...

 

 

Felicitas war zurück zur Eiche geflogen. Sie hatte keinen Appetit, und der fisselige Regen, der eingesetzt hatte, ermunterte sie auch nicht gerade, umherzufliegen. Viel zu enttäuscht war sie über das Wiedersehen mit den anderen, als dass sie zu irgendetwas Lust gehabt hätte. Zuerst war sie nur wütend gewesen, dass sich keine von den dreien mit ihr gefreut hatte. Doch jetzt, als sie den Grund ahnte, hatte sie auf einmal Mitleid mit ihnen.

Den ganzen Tag saß Felicitas so da und blies Trübsal. Sie merkte noch nicht mal, als langsam die Dämmerung heraufzog und die blaue Stunde anbrach.
„Wie sitzt du denn hier?“ Pablo ließ sich leise neben ihr nieder. Felicitas sah ihn an. All ihr Ärger vom Abend zuvor war vergessen.
„Ach, ist das schön, dass du wieder da bist!“ seufzte sie. „Wo warst du heute Morgen?“
„Ich hätte dich doch sowieso nicht davon abhalten können, zu deinem Baum zurückzufliegen“, meinte Pablo und zuckte mit den Flügeln.
„Bist du mir noch böse?“ fragte Felicitas.

Pablo schwieg. Er wollte ihr nicht mehr böse sein, aber er konnte ihr nicht sagen, dass er es nicht war, weil es nicht stimmte. Die ganze Nacht war er ziellos umhergeflattert, bis er sich entschlossen hatte, zum Mond zu fliegen. Aber das Ding, das wie der Mond ausgesehen hatte, war gar nicht so weit weg gewesen, wie er gedacht hatte, und er hatte sich mächtig den Kopf gestoßen. Vor Wut und Schmerz war er immer und immer wieder dagegen geflogen, bis er ganz benommen zu Boden getaumelt und liegen geblieben war. Daran dachte Pablo jetzt, und daran, dass Felicitas inzwischen einen schönen Tag mit ihren Freundinnen gehabt hatte.

„Und“, fragte er statt einer Antwort zurück, „war es nett, dein Blätterkränzchen?“
„Ach, Pablo, es war scheußlich“, sagte Felicitas zerknirscht.
Pablo konnte nicht umhin, ein kleines bisschen schadenfroh zu sein. Aber er wusste, wenn er jetzt „Siehst du!“ sagte, würde das Felicitas nur wieder wütend machen - und welchen Zweck sollte es haben, deswegen zu streiten? Also verkniff er sich diese Bemerkung und fragte sie, was er schon am Abend zuvor hatte wissen wollen:
„Warum bist du überhaupt zurückgeflogen?“
Felicitas seufzte. „Ich dachte, sie würden sich freuen, aber stattdessen waren sie genauso miesepetrig wie immer. Ich kann das nicht mehr ertragen. Wir haben einfach nichts mehr gemeinsam.“
„Was hattet ihr denn sonst gemeinsam?“ fragte Pablo. Er hatte bis jetzt noch keine besonders große Ähnlichkeit zwischen ihr und den anderen dreien feststellen können. Im Gegenteil, er fand Felicitas ziemlich einzigartig. Doch Felicitas schien anderer Ansicht zu sein.
„Na, wir waren eben alle Raupen“, versuchte sie zu erklären, „selbst in meinen neuen Kleidern war ich immer noch eine Raupe wie sie.“
„Ich war auch eine Raupe wie ihr“, warf Pablo bitter ein, „und trotzdem mochten sie mich nicht! Das kann es nicht gewesen sein.“
„Aber wir wohnten und lebten doch zusammen und arbeiteten gemeinsam. Jeden Tag verbrachten wir miteinander. Das fällt jetzt alles weg. Wir essen ja noch nicht mal mehr dasselbe!“
„Du hast auch mit Valentino nichts davon gemeinsam, und trotzdem ist er dein Freund“, bemerkte Pablo.
„Ach“, meinte Felicitas erstaunt, „du hast recht, das ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ Sie überlegte einen Augenblick, dann sagte sie: „Mit Valentino ist das etwas anderes. Er sagt mir nie, was man tut oder nicht tut und er lässt mich einfach, wie ich bin. Er verlangt nicht von mir, dass ich bin wie er, und er macht auch nicht alles schlecht, was anders ist.“
„Du bist auch so“, sagte Pablo wieder besänftigt, „deswegen mag ich dich.“
Felicitas lächelte. „Weißt du, die anderen wollten einfach nicht wahrhaben, dass ich keine Raupe mehr bin. Stell dir vor, sie wollten, dass ich Blätter esse!“
Pablo grinste. „Ach, tatsächlich?“
„Sie fanden albern, wie ich aussehe, und meinen Namen haben sie dauernd vergessen. Alles sollte so sein wie früher! Ich kann doch nicht mehr den ganzen Tag auf so einem dämlichen Blatt rumsitzen! Und das Schlimmste war, dass sie persönlich beleidigt waren, weil ich nicht mehr so lebe wie sie. Ich glaube, sie waren einfach neidisch. Und dann fingen sie vorhin auch noch an zu lügen. Sie haben behauptet, sie wären zufrieden mit ihren bescheidenen Blättern und so weiter.“
„Dann verstehe ich nicht, was du noch von ihnen willst“, meinte Pablo kopfschüttelnd.

Felicitas sah nachdenklich in die Wolken, die der Wind vor sich her blies, dann fragte sie:
„Sag mal, Pablo, glaubst du, dass aus jeder Raupe mal ein Schmetterling wird?“
Pablo überlegte kurz, dann sagte er: „Einerseits ja und andererseits nein.“
„Hä?“
„Wenn du meinst, ob jede Raupe ein Falter werden kann, dann ja, aber ob sie einer wird, hängt von vielen Dingen ab, zum Beispiel, ob sie genug zu essen hat, ob es warm genug ist und so weiter. Es hängt aber auch davon ab, ob sie ein Schmetterling werden will oder nicht.“
„Aber die drei, die wollen doch gar keine Schmetterlinge werden! Was wird denn aus denen?“
„Willst du das wirklich wissen?“
Felicitas nickte.
„Also gut, fangen wir mit Fobia an: Eines Tages wird ein großer schwarzer Vogel kommen. Dieser Vogel heißt Angst. Er wird Fobia einfach auffressen. Eines Tages wird noch ein großer schwarzer Vogel kommen, der heißt Langeweile, er wird Pomaranza...“
„Hör auf!“ schrie Felicitas dazwischen, „das ist ja schrecklich! Das denkst du dir nur aus! Solche Vögel gibt es doch gar nicht! Sag mir die Wahrheit!“
„Die Wahrheit?“ wiederholte Pablo geringschätzig, „es gibt keine Wahrheit. Es gibt nur verschiedene Weisen, die Dinge zu sehen. Deshalb können wir es auch locker anders beschreiben: Fobia stirbt vor Angst, Pomaranza langweilt sich zu Tode und Zilli trifft einfach der Schlag, schätze ich. Gefällt dir das besser?“
Felicitas schüttelte entsetzt den Kopf.
„Und damit sie nicht nutzlos herumliegen, kommt ein großer schwarzer...“
„Hör auf!“
„... Vogel und frisst eine nach der anderen“, fuhr Pablo gleichmütig fort, „irgendwovon müssen die Vögel ja auch leben.“
„Bist du grausam!“ rief Felicitas gequält.
„Nein, nicht ich, das Leben ist so.“
„Ich muss ihnen helfen, ich muss sie retten!“ jammerte Felicitas verzweifelt.
„Was glaubst du, wer du bist?“ fuhr Pablo sie auf einmal an, „das kannst du gar nicht! Du kannst keinem helfen, der keine Hilfe will. Du kannst niemanden ändern. Du hast dich selbst verwandelt, aber andere kannst du nicht verwandeln! Das wäre Zauberei!“
„Aber ich fühle mich so schuldig!“ schluchzte sie.
„So ein Blödsinn!“ meinte Pablo ärgerlich, „woran solltest du schuld sein? Sind sie nicht genau wie du für ihr eigenes Leben verantwortlich? Sie leben so, wie sie es wollen. Und wenn sie klagen, dann wollen sie auch klagen. Es ist ihre Entscheidung. Nur - irgendwann kann man sie nicht mehr rückgängig machen.“
Felicitas schniefte.
„Jetzt hör schon auf, dich selber zu beweinen“, sagte Pablo, „wie willst du fliegen, wenn du die Flügel hängen lässt?“
Felicitas schwieg betroffen. Pablo hatte Recht.
„Aber“, warf sie noch einmal ein, „sie sind doch meine Freundinnen, ich kann sie doch nicht einfach vergessen! Wir waren so lange zusammen, mein ganzes Raupenleben...“
Pablo seufzte. „Kannst du dich erinnern“, sagte er schließlich, „was du mit deiner Raupenhaut gemacht hast, wenn sie dir nicht mehr passte?“
Felicitas sah ihn erstaunt an. „Ich habe sie abgestreift und fallengelassen - wieso?“
Da schlug Pablo mit den Flügeln und rief mit gespieltem Entsetzen:
„Wie konntest du nur! Du hast sie doch sooo lange getragen, dein ganzes Raupenleben!“
Felicitas musste lachen. „Hör auf, du redest ja wie Zilli!“
Pablo grinste. „Das waren aber deine Worte! Und war dir deine Haut nicht näher als eine Freundin es jemals sein kann?“
„Allerdings!“ kicherte Felicitas und tauchte mit einem Kopfsprung in die warme, noch feuchte Abendluft. Pablo tat es ihr nach.

 

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Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008