5. Die blaue Stunde
oder
Morgenstern und Abendstern

 

 

Der Nieselregen war vorbei und der Himmel klarte sich allmählich auf.
„Komm, ich zeige dir mein Land!“ sagte Pablo. Felicitas flog eine scharfe Kurve an ihm vorbei.
„Mein Land, meinst du wohl!“ rief sie vergnügt.
„Ach, ich habe vergessen, dass du es dir schon bei Tag angesehen hast“, meinte er entschuldigend. „Aber jetzt kann ich dir die Nachtkerzen zeigen!“
„Nachtkerzen?“ fragte Felicitas und flog übermütig einen kleinen Looping, „was ist das?“
Statt einer Antwort meinte Pablo, indem er sie im Flug umkreiste: „Sag mal, du Königin der Luft, was ich dich die ganze Zeit schon fragen wollte: Hast du von deinen Flugübungen als Raupe irgendeinen Nutzen gehabt? Ich meine, weil ich keine gemacht habe und trotzdem fliegen kann!“
Felicitas kicherte: „Nein, nicht direkt. Aber ich hatte irre viel Spaß!“
Pablo lachte und flog in Richtung der Gärten. Felicitas folgte ihm.

Wie anders und seltsam alles aussah am Abend! Sie war froh, dass Pablo bei ihr war, denn allein hätte sie sich in diesem Dämmerlicht nicht mehr zu fliegen getraut.
Pablo zeigte ihr die stark duftenden Nachtkerzen, aber die blaue Stunde neigte sich schon bald dem Ende zu und die Farben der Blüten waren kaum mehr zu unterscheiden.
„Wie findest du die Blüten, wenn man ihre Farben gar nicht sehen kann?“ staunte Felicitas.
„Ich rieche sie doch“, sagte Pablo verwundert, „und wenn ich früher losfliege...“ er warf einen Seitenblick auf Felicitas, „und nicht die ganze Zeit mit Reden vertrödle, dann kann ich sie auch noch erkennen. Du kannst sie dir ja morgen bei Tag ansehen.“
„Das mache ich“, nickte Felicitas. Vielleicht konnte sie dem Geheimnis der Farben auf die Spur kommen. Sie hätte zu gern gewusst, ob die Dinge von sich aus eine Farbe besaßen, oder ob tatsächlich die Sonne sie ihnen gab.
„Aber wenn die Sonne die Farben wiederbringt, wie du mal gesagt hast, woher weiß sie, welche Farbe wohin gehört? Alles bekommt doch jeden Tag dieselbe Farbe“, meinte sie grübelnd.
„Lass uns ein anderes Mal darüber nachdenken“, schlug Pablo vor, „ich würde gern noch kurz bei Valentino vorbeifliegen, hast du Lust?“
„Ja, das ist eine gute Idee“, stimmte Felicitas ihm zu, „er wird sich freuen, dich wiederzusehen!“
„Und er muss mir unbedingt sagen, was mein Name bedeutet“, sagte Pablo.
„Weißt du das nicht?“
„Nö, aber er klingt gut. Und er hat bestimmt nichts mit Seide zu tun, schätze ich!“

Die Erde war noch feucht vom Regen, die denkbar beste Voraussetzung, um Valentino anzutreffen. Felicitas konnte in dem Dunkel keinen seiner Eingänge ausfindig machen, aber Pablo, der noch gut sehen konnte, hatte Valentino bald gefunden. Er war gerade dabei, sich der Länge nach einen Grashalm einzuverleiben.
„He, Valentino!“ rief er ihm zu, „kennst du mich noch?“
Valentino würgte den Grashalm aus und hustete. „Saturno, mein Freund! Hast du mich erschreckt! Du machst einen Wind fast wie ein Vogel!“
„Das muss wohl an meinen Flügeln liegen! Und ich heiße jetzt Pablo Papilio!“
„Was denn, du bist auch ein Schmetterling?“
„Ein Nachtfalter, um genau zu sein“, entgegnete Pablo vergnügt.
„Und zwar ein ziemlich großer“, warf Felicitas ein, „er ist beinahe doppelt so groß wie ich.“
„Felicitas! Wie schön, dass du auch da bist!“ begrüßte Valentino sie erfreut, „bei so viel frischem Wind weiß man gar nicht, wie einem geschieht!“ Er beugte sich zu Pablo und begann, ihn zu beschnuppern und abzutasten.

„So so“, meinte Valentino, nachdem er Pablo gründlich untersucht hatte, „groß bist du also! Und was hast du gesagt, wie du heißt? Pablo, ja?“ Er schmunzelte. „Dann wollen wir dich doch mal messen: Ich strecke mich aus und du breitest deine Flügel neben mir aus. Felicitas, du sagst uns, ob ich länger bin oder nicht, ja?“
Pablo war überrascht und etwas ungeduldig, weil er noch nicht erfahren hatte, was sein Name nun bedeutete, aber da Valentino sich schon der Länge nach hingelegt hatte, tat er, was Valentino wollte. Felicitas musste nah herankrabbeln, um sehen zu können, wie breit Pablos Flügel waren.
„Genauso breit“, stellte sie fest, „und was soll das Ganze?“
Valentino grinste. „Zwölfkommafünf“, sagte er zufrieden und richtete sich auf, „du hast eine Spannweite von zwölfkommafünf Zentimetern! Ich weiß das so genau, weil ich einmal an einem Lineal entlang gekrochen bin, damals in der Bibliothek... Aber das ist eine andere Geschichte. Warum ich das wissen wollte, fragt ihr euch?“
„Nun sag schon!“ drängte Felicitas.
„Dein Name, Pablo!“ Valentino lachte. Pablo sah verwirrt drein und legte schnell seine Flügel wieder zusammen, als würde das irgendetwas ändern.
„Und was ist damit?“ fragte er bestürzt.
„Pablo Papilio heißt kleiner Schmetterling!“ Valentino wollte sich schier kringelig lachen. Felicitas grinste breit.
„Findest du nicht, dass du etwas untertrieben hast, Pablolein?“ neckte sie ihn.
„Ich weiß gar nicht, was daran so komisch sein soll!“ Pablo spielte den Gekränkten, „ich bin eben bescheiden!“

Valentino beruhigte sich und erklärte: „Papilio heißt Schmetterling auf Latein, und Pablo ist spanisch, kommt von lateinisch paulus, der Kleine... - Ich hatte einen kleinen Bruder, der hieß Paolo, das ist die italienische Form. Der war auch sehr bescheiden, das heißt, er war nicht besonders helle. Er wollte unbedingt Glühwürmchen werden!“ Er kicherte. „Ich weiß gar nicht, was aus ihm geworden ist, vielleicht ist ihm ja doch eines Tages ein Licht aufgegangen!“
Jetzt lachte Pablo auch. „Schade, dass es schon so spät ist“, meinte er, „wir müssen zurück, Felicitas kann nicht im Dunkeln fliegen. Aber wir kommen bald wieder!“
„Tut das nur, ich freue mich immer über euren Besuch!“ sagte Valentino und begann, seinen Grashalm zu suchen.
„Und dann erzählst du uns mal, was dein Name bedeutet!“ rief Felicitas lachend, „ciao, Valentino!“

Es war höchste Zeit! Felicitas flog so hoch wie möglich, um besser sehen zu können.
„Morgen fliegen wir früher, ja?“ rief sie Pablo zu, „ich möchte gern mit dir zum See. Warst du schon dort?“
„Ja, du solltest mal sehen, wie schön der Mond darüber scheint!“

Sie flogen zur Eiche zurück, deren toter Stamm schweigend in den Abendhimmel ragte. Von ihrem Lieblingsplatz in der Krone konnten sie jetzt alle Sterne sehen. Pablo deutete mit dem Flügel nach Westen auf einen besonders hellen Stern.
„Da, das ist der Abendstern!“ sagte er, „man nennt ihn auch Venus, nach der Göttin der Liebe.“
„Das hört sich schön an, aber du klingst genau wie Valentino!“ sagte Felicitas verwundert. Pablo räusperte sich verlegen.
„Zugegeben, es ist von Valentino. Er hat es mir damals erzählt, als wir über die Sterne sprachen.“
Felicitas tastete mit den Fühlern in der lauen Luft herum.
„Was riecht hier so komisch?“
„Es ist Nordwind“, sagte Pablo leise, „bei Nordwind riecht man die Fabrik. Da drüben, siehst du die Lichter?“
Felicitas sah hinüber. Es war fast ganz dunkel. Anstelle der bunten Punkte bewegten sich jetzt Lichtflecke hin und her. Auch die grauen Klötze waren in Licht getaucht, und die Rauchfahnen wehten herüber.
„Das sind keine Sterne, oder?“ fragte Felicitas beklommen.
„Nein, die Menschen machen das Licht. Es ist die Seidenfabrik. Ich bin ein einziges Mal hinübergeflogen. Ich habe mir den Weg angesehen, den ich gekommen bin. Fliegen geht schnell, aber zu Fuß...“ Pablo schwieg.
„Ich fliege nie mehr dorthin“, sagte er schließlich.
Felicitas lief ein Schauer über den Rücken. Ihre Flügelspitzen zitterten. Sie war müde.
„Du kommst bestimmt morgen früh?“ fragte sie und legte ihre Flügel zusammen.
„Aber sicher. Schlaf gut, Felicitas!“ Er strich ihr zum Abschied mit dem Fühler über die Flügel.

Pablo flog über den schwarzen See, der sich leicht im Nachtwind kräuselte. Der Mond streute silberne Funken darüber und Pablo versuchte, sie zu fangen, ohne nass zu werden.
„Es ist etwas ganz besonderes, dieses Licht in der Dunkelheit“, dachte er froh.

Als Pablo im Morgengrauen zurückkehrte, saß Felicitas noch immer auf dem Blatt und schlief, genauso, wie er sie verlassen hatte. Er setzte sich neben sie und berührte sie sanft mit seinen Fühlern. Felicitas erwachte davon und freute sich, ihn zu sehen. Sie sah in den Morgenhimmel, an dem noch kein Strahl der Sonne zu sehen war, und entdeckte auch einen besonders hellen Stern.
„Da! Siehst du den Morgenstern?“ flüsterte sie und zeigte darauf.
„Das ist doch der Abendstern“, erwiderte Pablo, „erkennst du ihn nicht?“
„Nein, das ist der Morgenstern!“ widersprach Felicitas.
„Abendstern!“
„Morgenstern!“
„Willst du mit mir streiten?“ fragte Pablo, „das ist derselbe wie gestern Abend!“
„Ist er nicht! Der Abendstern stand im Westen und dieser hier steht im Osten!“ sagte Felicitas hartnäckig.
„Und deine Morgensonne, ist die vielleicht nicht dieselbe wie die Abendsonne?“
Felicitas zog eine Schnute. „Aber die Sonne sehe ich den ganzen Tag, den Morgenstern nicht!“
Pablo hatte keine Lust, noch länger zu streiten. „Gut“, gab er nach, „dann ist er eben jetzt der Morgenstern, aber heute Abend ist er wieder der Abendstern!“
„Einverstanden“, lenkte Felicitas ein, „aber jetzt sieh doch, wie schön er ist!“

Das war er wirklich, das fand auch Pablo. Der Morgen malte seine sanften Farben in die Wolken und die Nacht wich langsam dem frühen Nebel, der sich auf die Blumen und Gräser legte. Der Tau würde Pablos Schlaftrunk sein und Felicitas’ Frühstück. Aber vorher würden sie zusammen fliegen, zwischen Nachtdunkel und Morgenrot...
„Ist es nicht seltsam“, sagte Felicitas, „obwohl wir beide Schmetterlinge sind, sind wir trotzdem so unterschiedlich wie Tag und Nacht!“
Pablo lächelte. „Das kann man wohl sagen! Aber wir haben die blaue Stunde, in der wir uns begegnen können, wann immer wir wollen.“
„Ich will immer!“ rief Felicitas sofort.
„Ich auch.“
„Weißt du was?“ meinte sie nachdenklich, „ich hatte einen ganz wunderbaren Traum... - aber glaubst du, ich kann mich daran erinnern?“
„Er wird dir schon wieder einfallen, schätze ich“, sagte Pablo und lachte leise.

 

 

An dieser Stelle endete der Wurm und verschwand. Er schien seine eigenartige Verdauung abgeschlossen zu haben, denn er kehrte nicht mehr zurück, weder am nächsten noch am darauf folgenden Abend.

Mir waren inzwischen Zweifel gekommen, ob es tatsächlich Valentino gewesen war, der mich die letzten fünf schlaflosen Nächte gekostet hatte, wenn der doch gar nicht schreiben konnte. War es etwa sein Bruder Paolo gewesen, dem bei einem unverhofften Wiedersehen mit Valentino die zündende Idee gekommen war, den Beruf zu wechseln und Schriftsteller zu werden? Und das vielleicht nur, um diese Geschichte zu Papier zu bringen? Es würde zumindest erklären, warum der Schreiberling einen so unbeteiligten Eindruck gemacht hatte.

Wie auch immer, ich saß allein da mit meinen Vermutungen. Natürlich hielt ich Ausschau, ob mir nicht zufällig Felicitas und Pablo begegnen würden, aber ich habe sie leider nie persönlich kennengelernt. Es ist ja auch nicht weiter verwunderlich, wenn sie sich von Menschen fernhalten.

So beschloss ich, mich nicht weiter in die Geschichte einzumischen und meinen Teil der Arbeit aufzunehmen, um Valentinos Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen: ein Buch daraus zu machen.

Kein Verlag wollte dieses Anuskript haben, die nehmen nämlich nur Manuskripte, also Handgeschriebenes, besser noch, Handgetipptes, aber nichts, was aus dem Darm kommt, da kann der Text so flüssig geschrieben sein, wie er will. Also tippte ich die Seiten in meinen Computer und erstellte eine schöne, garantiert geruchsfreie Onlineversion, denn ich bin der Ansicht, dass man einer anspruchsvollen Leserschaft alles, aber keinen Scheiß zumuten sollte.


Ende

 

Namens und Worterklärungen ...

>

Ana Mandé: Meta Morfosa
anamandé©2008